Mikrowälder als Antwort auf große Herausforderungen?

Tiny Forest lautet der geschützte Markenname eines in Japan geborenen Mikrowaldprogramms, das Waldwachstum auf kleinen Inselflächen im städtischen Umfeld umsetzen und damit Biodiversität und Wohlfahrtswirkung beschleunigen möchte. Was ist dran?

Tiny Forest? Ist das nicht das neue Ding aus Japan, die neue, innovative Pflanzmethode?

 

Das Umweltbundesamt schreibt:


„dabei geht es um die Begründung standortangepasster, hochdiverser Waldökosystem auf kleinen Flächen ab 100 qm, die vor allem im urbanen Raum z.B. als Klimaanpassungsmaßnahme eingesetzt werden und eine Vielzahl an Ökodienstleistungen erbringen. Für diese Methode kommen vor allem Flächen von geringem ökologischem Wert in Betracht, die durch eine entsprechende Regeneration des Bodens und eine dichte Bepflanzung innerhalb kurzer Zeit in autarke Ökosysteme umgewandelt werden.“


Wie wird ein Tiny Forest bepflanzt und wie unterscheidet er sich vom Mighty Forest – um den guten alten Wald auch auf Neu-PR-Sprech zu hieven?


Laut des ‚Visionen – Mission – Werte‘ -Kanons der Partnerorganisation Citizen Forest ist die Zielsetzung die Initiierung lokaler Aufforstungsbewegungen durch die Bürger selbst und die Etablierung eines deutschlandweiten Netzwerkes. 


MIYA e.V. schreibt von „aktiver Renaturierung als Beitrag zur gesellschaftlichen nachhaltigen Transformation“.

 

Die Unterstützung erfolgt durch Spenden und die Bereitstellung von geeigneten Grundstücken. Die Mindestflächengröße soll 100 qm betragen - also eine Größe weit unterhalb der Mindestgröße von 0,1 ha (und 10 m Mindestbreite), die lt. Bundeswaldagentur als 'Wald' gerechnet wird. Bei Tiny Forests handelt es sich somit im Grunde genommen um das Landschaftselement Feldgehölz.

 

Von konventioneller Aufforstung unterscheidet sich die Miyawaki Methode (benannt nach dem Japaner Akira Miyawaki, Begründer der Tiny-Forest-Methode) durch eine viel größere Pflanzdichte und Artenvielfalt der verwendeten Gehölze. Es sollen am jeweiligen Standort heimische Gehölze verwendet werden.


Nach der Anwachspflege soll bereits nach drei Jahren ein ‚völlig autarker, natürlicher und einheimischer Wald‘ entstanden sein.

 

Die zu bepflanzende Fläche wird dabei im Grunde genommen wie eine Vegetationsfläche im Garten behandelt: 


Nach einer Bodenanalyse, entsprechend angepasster Bodenbearbeitung und -verbesserung (z.B. durch Einarbeitung von Bodenhilfsstoffen) wird mit einer Pflanzweite von 3 - 4 Gehölzsetzlingen je Quadratmeter gepflanzt. 


Wie genau gepflanzt wird, steht in nicht veröffentlichten Bepflanzungsplänen der jeweiligen Partner-organisationen. Die Pflanzung erfolgt jedoch nach folgendem Prinzip: Der Kern einer Tiny-Forest-Fläche wird mit Hauptbaumarten bepflanzt, die konzentrisch von Nebenbaumarten und am Rand schließlich von niedrigeren Sträucherarten umgeben ist.


Die frische Pflanzung wird zur Unterdrückung unerwünschten Aufwuchses gemulcht (meist mit Stroh) und in Trockenphasen gewässert. Die fertige Fläche wird eingezäunt.


Mittlerweile gibt es zu dem ‚Original‘-Maßnahmenträger, der MIYA e.V., der seit 2021 Miniwälder pflanzt, hierzulande auch eine Reihe von Kooperationspartnern. 


Dazu zählt auch die im Hamburger Umland tätige Citizens Forest e.V.. Zwei Projekte dieses Kooperationspartners („Werde Klimaretter“) habe ich besucht – das größere wurde im Herbst 2021 auf etwa 3.400 qm in Wedel/ Holstein angelegt, das zweite Projekt im Herbst 2022 auf etwa 300 qm in der Vorortgemeinde Halstenbek. Beide Projekte wurden als Pflanzaktion mit zahlreichen Erwachsenen und Kindern durchgeführt.

 

Zunächst besuche ich das Projekt in Wedel – und wundere mich gleich: Denn die Fläche liegt ganz und gar nicht im städtischen Umfeld, sondern in den Wedel-Holmer Feldmark zwischen Baumschulflächen und am Rande eines Landschaftsschutzgebietes.





Mikrowald auf 3.400 qm in Wedel zwischen Baumschulflächen (im Hintergrund zu erkennen) 

und der Wedel-Holmer Feldmark



Ich hatte mir die Vorher-Nachher-Fotos zunächst auf der Homepage angesehen. 


Der Eindruck im Herbst 2022 – also ein Jahr nach der Pflanzaktion – entsprach in etwa dem Foto ‚Fläche vor der Bepflanzung‘: Das Strohmulch hat sich mittlerweile zersetzt und ziemlich ubiquitärer Aufwuchs (Unkraut) wuchert zwischen den aber noch erkennbaren Gehölzsetzlingen.


Die mit 300 qm deutlich kleinere Fläche im vorstädtischen Halstenbek liegt auf einer parkartigen Dauergrünlandfläche in unmittelbarer Nachbarschaft zum Naherholungs- und Landschaftsschutzgebiet Krupunder See. 





Wie ein Laufstall in der Naherholungslandschaft: 

Der Citizens Forest in Halstenbek-Krupunder



Mit Blick auf die hohe Frequenz von Hunderunden-gehenden ist dieser Standort zwar deutlich urbaner, aber mitnichten städtisch. Bei der Fläche handelt es sich um ein streng geometrisches Rechteck, dass wie ein akkurat ausgestochenes Stück Blechkuchen auf einer Wiese steht, umgeben von Feldhecken und Feldgehölzen, jedoch ohne Bezug oder Anschluss an diese. Ein Infoschild klärt über Sinn und Zweck auf:





Die Gemeinde Halstenbek galt jahrzehntelang aufgrund der einmalig großen Konzentration von Forstbaumschulen als die 'Wiege des Waldes': 

Ein Wald wird hier qua Definition nicht entstehen - 

die Bezeichnung Feldgehölz wäre treffender, aber natürlich begrifflich nicht so markig



Pflanzenverwender stehen neuen Lösungsansätzen für ein Mehr an ökologischer Vielfalt und der Stärkung der Klimaresilienz der Stadtvegetation sicherlich grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Baumschulen sind als Pflanzenproduzenten und -lieferanten ohnehin beteiligt.


Trotzdem dürfen bei allem berechtigtem Enthusiasmus eines womöglich neuartigen Bausteins in der Stadtökologie aber wenigstens zwei Aspekte angesichts jahrzehntealter gärtnerischer und ökologischer Praxis diskutiert werden:



Punkt 1: 


Klimawandel und Gehölzsortiment


Vor allem im städtischen Umfeld stellen Trockenphasen die größte Herausforderung für eine nachhaltige Pflanzenverwendung dar. Nicht ohne Grund werden Baumarten (Klimabäume, Zukunftsbäume) gesucht,  die Trockenstress und städtische Strahlungsintensität besser verkraften als das angestammte Sortiment einheimischer Gehölzarten - und deren Verhalten mittlerweile wissenschaftlich beobachtet


Ob sogesehen die Beschränkung der Artenauswahl auf heimische Gehölze bei Tiny Forests künftig überhaupt funktioniert, wird die Praxis zeigen. 


Pessimistische Stimmen geben der Rot-Buche (Fagus sylvatica) als Waldbaum in großen Teilen Deutschlands keine 30 Jahre mehr.


Die Fachmeinung dreht bei der Pflanzenverwendung im urbanen Raum jedoch gerade von der dogmatischen Beschränkung auf einheimische Arten weg. 




Punkt 2: 


Dynamik und Dauerverhalten: Pflanzdichte, Wachstum und Artenvielfalt


Die Idee einer großen Pflanzdichte klingt zunächst einleuchtend: Wenn im Unterschied zu einer konventionellen Aufforstung dichter gepflanzt wird und dabei nicht nur ein bis zwei Gehölzarten monokulturell verwendet werden, sondern gleich 20 verschiedene Gehölzarten, entsteht bei Pflanzbeginn einer größere Vielfalt. 

 

Die große Pflanzdichte der Startpflanzung von Tiny Forests soll durch künstlich gesteigerten Konkurrenzdruck die Waldentwicklung so beschleunigen, so dass diese bereits nach 25 bis 30 Jahren abgeschlossen ist. Von einer bis zu 10-fach gesteigerten Wuchsgeschwindigkeit im Vergleich zu konventionellen Aufforstungen wird sogar gesprochen.


Die Entwicklung eines Tiny Forest wird sich nicht viel anders verhalten als die einer typischen Sukzessionsfläche: Nach dem Initialstadium (das mit der gezielten, jedoch besonders dichten Pflanzung der Setzlinge nachgeahmt/ übersprungen wird) verdrängen in mehreren Folgestadien wuchsstärkere Arten wuchsschwächeren Arten sowie auch große Teile der krautigen bodennahen Vegetation (Grund: v.a. Lichtmangel) bis sich ein in Abhängigkeit von der Konstanz der äußeren Einflüsse ein mehr oder weniger stabiles Endstadium ("Wald") aus nun wenigen Individuen herausbildet. 


Ist die Artenvielfalt des Tiny Forest anfangs am größten, wird sie sich in ihrer Entwicklung kontinuierlich reduzieren und im Endstadium stark reduziert haben. Den Beweis des Gegenteils sind die Verfechter des Tiny Forests noch schuldig.




 

Kein Tiny Forest, aber eine vor rd. 20 Jahren als 'Stangenwald' gepflanztes Band  im Hof des Berliner Tor Centers (Hamburg): Etwa 3/4 der ursprünglich sehr dicht gepflanzten 'Stangen' dürften fehlen



Es lohnt ein kurzer Abstecher in die Geschichte unserer Kulturlandschaft: Über etwa 10.000 Jahre hinweg hat der Mensch die Natur hierzulande so gut wie flächendeckend in eine Kulturlandschaft umgewandelt. Ohne diesen Wandel sähe die mitteleuropäische Landschaft noch heute so aus wie in der Nacheiszeit vor etwa 12.000 Jahren: 

 

Alle Entwicklung läuft (von Wasserflächen, Mooren und Fels einmal abgesehen) auf dichte, geschlossene Laubwälder hinaus – und zwar auf ziemlich gleichförmig aufgebaute und artenarme Urwälder.

 

Landschaftsökologisch bedeutete die Inkulturnahme und Nutzung von Flächen durch den Menschen einerseits einen Verlust (großflächig!) an ungestörter Naturlandschaft. Doch damit entstanden völlig neuartige, bis dahin gar nicht vorhandene Lebensraumtypen: 


Es entstand ein mosaikartiges Netz aus unterschiedlichsten Flächentypen, was eine große landschaftliche Differenzierung und auch Anreicherung nach sich zog. Die Kulturlandschaft, wie wir sie heute kennen und die in Teilen durch Monokulturen in ihrer strukturellen Vielfalt bedroht wird, ist mit ihren zahlreichen Sekundärbiotopen erheblich artenreicher als das Primärbiotop ‚Wald‘.

 

Wenn es also um nachhaltigen Artenreichtum bei Tiny Forests gehen soll (und dieser Artenreichtum beschränkt sich natürlich nicht nur auf die gepflanzten Gehölzarten, sondern auf die einwandernde Fauna), dann dürften die Flächen nicht sich selbst überlassen werden - denn ohne Eingriffe wird sich eine gepflanzte Fläche nicht viel anders verhalten als eine Ruderalfläche, die sich selbst und damit der natürlichen Sukzession überlassen ist. 

 

Bei noch unbewachsenen Rohbodenflächen ist vor allem das Anfangsstadium besonders artenreich


Angesichts der Kleinräumlichkeit der Miniwaldflächen werden sich keine Saumgesellschaften bilden können, da bis zum Flächenrand (Zaun) gepflanzt wird. Dass auch eine Sukzessionsfläche im Endstadium ‚Wald‘ einen großen stadtökologischen Wert darstellt (Wohlfahrtswirkung!), steht dabei außer Frage.



Gute Idee oder Marketing-Vehikel?

 

Der gelernte Förster und bekannte Baumflüsterer Peter Wohlleben sagt im Interview mit ‚Hallo München‘, dass ein neuer Ansatz wie Tiny Forests der Vorliebe von Bäumen für ein Leben im Verband entsprechen könnte – er sagt aber auch 


man kann Bäume pflanzen, aber keinen Wald



Unter der Frage ‚Tiny Forest – eine gelungene Idee oder nur ein Marketing-Hype‘ zieht Heiner Löchteken, Baumsachverständiger und Gärtnermeister auf seiner Homepage arborist-nrw.de ein eher zurückhaltendes Fazit des Konzeptes.


Als Baustein der Umweltbildung hält er Tiny Forests für geeignet. Aus seinen täglichen Erfahrungen mit urbanen Miniwäldern und aus ökologischer Sicht kann ihn das Konzept eher nicht überzeugen:

 

„Besonders im Umgang mit Bäumen und Wäldern kommt man ohne Fachleute nicht aus, denn mit den besten Strategien werden ein paar Jahre abgebildet – der Baum und ein Forst benötigen aber den Weitblick von 100 Jahren. (…)

Wir sollten endlich anfangen, die vorhandenen urbanen Wälder und Bäume zu verstehen und zu schützen. Fachleute aus Arboristik und Forst helfen dabei, den Einzelfall zu betreuen.“

 

Wirklich ärgerlich am Konzept ist, dass auch Unternehmen, die unmittelbar für Naturzerstörung, -ausbeutung und Unwirtlichkeit unserer Städte mitverantwortlich sind, es sogleich alsMarketinginstrument für erstklassiges Greenwashing nutzen. So fördert die BMW-Group die Initiative: „Mit der Kooperation möchte MINI das Bewusstsein für lokale Umweltprodukte schärfen und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur aufrufen.“ 

 

Wäre diese Marketingphrase wirklich ernst gemeint, dann könnte MINI verantwortungsvoll die Umwandlung urbaner Pkw-Stellplätze in Tiny Forests unterstützen – und nicht die Anlage einer ausgesprochen tiny – nämlich lediglich 205 qm großen - Tiny-Forest-Fläche in Swindon neben dem MINI-Werk.  

 

Wie geeignet, belastbar und stadtökologisch nachhaltig und freiraumästhetisch akzeptabel und akzeptiert dieser Baustein langfristig sein wird, lässt sich nur durch langjähriges Monitoring prüfen. 


Das Konzept der Tiny Forests wird in einer Vielzahl von Kommunen ausprobiert, die sich angesichts knapper Grünpflege-Budgets gerne auf das Versprechen einlassen, dass die Flächen nach drei Jahren sich selbst überlassen werden können


In großstädtischen urbanen Räumen, in denen ein Netz derartiger Mikrowäldchen wirklich lokale Wohlfahrts-wirkung entfalten könnte, wird der Verwertungsdruck selbst auf Restflächen absehbar groß bleiben.

 

Wir werden auf jeden Fall in den kommenden Jahren die Flächen in der Wedeler Feldmark und am Krupunder See nicht aus den Augen verlieren – vor allem in der Wedel-Holmer Feldmark lässt sich mit oder ohne Tiny Forest herrlich Spazierengehen und Radfahren!




Veröffentlicht in Bepflanungsplanung am 07.02.2023 9:29 Uhr.

Was die meiste Gartenarbeit verursacht - TOP 2: Falsche Pflanzenauswahl und Gehölzschnitt

Kann man das schneiden? Gegenfrage: Muss man das schneiden? Und wenn, warum muss man das schneiden?

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Bisher in der Serie Pflegeleicht? erschienen:


Pflegeleicht!


TOP5: Verwendung von Einjährigen und nicht winterharten Pflanzen


TOP4: Falsche Belagswahl im Garten


TOP3: Übertriebener Rasenfetisch


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Es wird Zeit für die TOP 2 unserer Aufzählung der Fehler, die im Garten vielfach unnötige und/ oder ungeliebte Arbeiten verursachen. Seit unserer TOP 3 

sind nun schon bald drei Monate vergangen. 


Es ist nicht so, dass uns zur Silber- und Goldmedaille nichts mehr eingefallen ist! Aber für einige Fotos der Top 2 ist der unbelaubte Zustand von Gehölzen ganz hilfreich und führt uns zu der alles entscheidenden Ausgangsfrage: 



Schneiden oder nicht schneiden?



Der Schnitt an unterschiedlichen Pflanzen und damit letztlich die Formgebung gehören zu den grundlegenden Tätigkeiten, die einen Garten von ‚Wildnis‘ unterscheidet. Der richtige Schnitt zur richtigen Zeit lässt Pflanzen sich oft erst wie gewünscht entwickeln.

 

Es ist aber eben dieser Pflanzenschnitt (und da speziell der Gehölzschnitt), der sich einerseits aufwändig gestalten kann (viel Schnitt, viel Schnittgut) und von vielen Gartenpflegenden als Buch mit zu vielen Siegeln – und damit als alles andere als pflegeleicht eingeschätzt wird.


 



Formgehölze in einem Quartier der Baumschule Butenschön in Rellingen: von Kugeln und Schirmen 

über Bonsais bis hin zu 'Schaschlik-Carpinus' ist die Auswahl an Formgehölzen groß für Topiary-Fans



Ja, es gibt Gehölze, die müssen geschnitten werden, damit sie sich so wie funktional und/ oder gestalterisch im Garten zugedacht entwickeln können. Dazu zählen Obstgehölze, Formschnitthecken und Formschnittgehölze (Topiary). 


Dann gibt es Gehölze und Halbsträucher, die zum Erhalt von Blühreichtum regelmäßig zurückgeschnitten werden sollten (Lavendel, Perovskien, Schneeball-Hortensien, einige Beetrosen usw.).


Es gibt zur Vergreisung neigende Gehölze, die für einen Vitalitätsboost gelegentlich verjüngt werden können (Forsytien, Pfeifensträucher, Weigelien) und es gibt Gehölze, die können aus optischen oder funktionalen Gründen (zu groß, zu breit) problemlos zurückgeschnitten werden (immergrüne Rhododendron, Kirschlorbeer, Eiben).






Bild links: Kugel-Robinie, geschnitten nach Störtebeker-Art - wenn der Blog hochauflösendere Bilder zulassen würde, könnten Sie erkennen, dass selbst der kleine tönerne Weihnachtsmann auf der Bank ein 'Ohhh' staunt. 


Vielleicht war das Schnittvorbild die Kugel-Robinie auf dem rechten Bild: Natürlich kann die Krone alljährlich auf diese Weise entfernt werden. An anderer Stelle habe ich in diesem Zusammenhang von 'abgenagtem Oberschenkelknochen' gesprochen - daran kann sich nun allseits für etwa sechs laublose Monate erfreut werden






Kopfweiden unserer Kulturlandschaft 'dürfen' das, denn nur ein regelmäßiger Schnitt-Turnus verhindert das Auseinanderbrechen des Stammes bei zu großer und schwerer Krone. Auf den ersten Blick sind Kopfbäume technisch verunstaltete Gehölze, die ursprünglich für die Ernte von Futterlaub und Weidenruten genutzt wurden. Kopfbäume sind Charakterköpfe in der Landschaft und außerordentlich attraktive Lebensräume für Insekten, Vögel und Fledermäuse - der besondere Wert liegt in den Hohlräumen, die Wohnraum für viele Tiere bieten



Und dann gibt es tatsächlich eine ausgesprochen große Gruppe von Gehölze, an denen im Grunde genommen GAR NICHT herumgeschnippelt werden sollte! 


 

Dazu zählen typische Solitärgehölze, die ihr langlebiges Gerüst aus mehreren Haupttriebe bilden ('kahlfüßige Sträucher' ohne dauernde Erneuerung der Triebbasis, sondern mit Zuwachs im Bereich der Triebspitzen).

 

Zu dieser Gruppe zählen z.B. Felsenbirnen, Zier-Äpfel und Zier-Kirschen (egal ob strauch- oder baumartig), strauchartige Zier-Ahorne, Magnolien und Zaubernüsse.





Gleiche Gehölzart (Magnolia loebneri) und doch keine Ähnlichkeit im Habitus. Bewundernswert ist der Blühwille der in eine Art von Bienenkorbform getrimmten Magnolie auf dem unteren Foto.

(oberes Bild: Zoonar/ Himmelhuber)



Auch Etagen- und Blumen-Hartriegel, Kornelkirschen, Kolkwitzien, Kuchenbaum, Kirschpflaumen, Goldregen, Flieder, Essigbaum, Sanddorn, Strauch-Pfingstrosen, Haselnüsse und auch Strauch- und Kletterrosen werden nur im ungeschnittenen Zustand jemals ihren einmaligen malerischen Habitus entwickeln. 


Genau deshalb wollten Sie diese Schönheiten doch in Ihrem Garten haben!





Noch ein Beispiel für kompletten Verlust des malerischen Habitus bei Acer palmatum 'Atropurpureum' im Vergleich Rundschnitt/ Keinschnitt (Bild rechts: Zoonar/ Himmelhuber)



An baumartig wachsenden Gehölzen mit Stamm/ Mitteltrieb und einigen Seitenästen wird bis auf den Erziehungsschnitt zur Formung einer ausgewogenen Krone und gefühlvollem Auslichten bzw. Totholzentfernung i.d.R. nicht herumgeschnitten (Ausnahme erneut: Obstbäume v.a. während des Erziehungsschnittes der Kronenaufbauphase).


Gar nicht schneiden – klingt doch gleich pflegeleicht! 


Wenn an Exemplaren dieser Gehölzgruppe dennoch geschnittenen werden muss, dann war der Pflanzplatz womöglich nicht geeignet. 





Ziemlich aufwändig ist der regelmäßig 

erforderliche Schnitt an dieser Kastanie: 

Der Garten ist für einen Baum dieser Größen- 

ordnung zu klein und der Baum steht zu 

dicht am Gebäude




Exkurs: Gehölzschnitt

 

Gehölzschnitt macht erstens viel Arbeit (vor allem bei größeren Gehölzen) und Gehölzschnitt ist ein ausgesprochen weites Feld. Das lässt sich schon an der Menge der Literatur und Anzahl von Schnittkursen sogar an Volkshochschulen erkennen.

 

Vereinfachten Gehölzschnitt gibt es leider nur bei den zahllosen Trupps der Hausmeister-, Garten-, Dachrinnen- und Winterdienstservice’s: Nennt sich in Fachkreisen auch 'Hausmeisterschnitt', zutreffender 'Hausmeisterrundschnitt' (in unserer Gegend aber auch: Holsteiner Rundschnitt) und könnte fälschlicherweise für den Stand der Technik gehalten werden. 


 



Flattopschnitt führte hier zu Quirlbildung - 

diese Art des Gehölzschnitts könnte aufgrund der Verbreitung fast für arttypisch gehalten werden, 

sieht während der langen laublosen Monate trotzdem nicht gut aus



Kennzeichen dieser Schnittart: Alle Gehölze werden in möglichst noch bequemer Motorheckenscheren-haltungshöhe zwischen etwa Tischhöhe und knapp 2 m (am liebsten aber auf Brusthöhe) auf die stets gleiche Art pilzköpfig- platterbsig bis eirund geschoren. Der Topfschnitt des Friseurs ist der Rundschnitt des ‚Gartenservice‘s‘. 

 

Selbstverständlich spielt der Schnittzeitpunkt beim Service keine Rolle – und so werden im Frühjahr gerne auch gleich die Blütenknospen mit abgeraspelt oder im Herbst die kleinen roten Beeren, die doch von den Amseln so gerne verspeist werden. 

 

Eigentlich wurde das Gehölz doch gerade wegen der Wuchsform/ der Blüte/ des Beerenschmuck so sorgfältig ausgesucht – aber der ‚Service‘ weiß doch hoffentlich, was getan werden muss? Und so könnten die sich in den darauffolgenden Jahren zeigenden Quirle oder Besen in den Gehölzen fast schon für arttypisch gehalten werden. 





Rundscherers Traumvorgartengehölzkolonie 

und hier durch die unterschiedlichen Laubfarben 

fast schon mit einem gewissen ästhetischen Twist

 


Schnittprofis zeichnen sich dadurch aus, dass trotz Schnittmaßnahme insgesamt der natürliche Habitus (die sogenannte arttypische Wesensart) des Gehölzes möglichst erhalten bleibt und die Pflanze durch den Schnitt insgesamt lediglich lichter wirkt.

 


"Aber der Strauch war doch so klein 

als ich ihn damals gepflanzt habe…"





Fassaden-Facepalm by Araucaria 



Zu den Standortbedingungen eines Pflanzplatzes zählt der Platzbedarf, den ein dort gepflanztes Gehölz im Laufe der Entwicklung beanspruchen wird. 


Für Bepflanzungsplaner wird das Dilemma bei der zeichnerischen Erstellung des Bepflanzungsentwurfs sichtbar: In welchem Alter stelle ich das jeweilige Gehölz dar?



Eine Richtschnur könnte nun lauten: 

 

"In Plänen sollten Bäume immer in einer Größe dargestellt werden, die ein jeweiligen am Standort mutmaßlich normal entwickelter, ausgewachsener Baum erreicht." 

 


Ist das sinnvoll?  


Die allermeisten Freiräume sollen natürlich so schnell wie möglich und unbedingt vor Erreichen der endgültigen Wuchshöhe von Bäumen 'funktionieren' (Raumbildung, Leit-/ Trennfunktion, Zierwert) – und nicht erst, wenn die noch nicht geborenen Enkelkinder erwachsen sind. Man denke an die Pflanzung einer Stiel-Eiche (Quercus robur)!

 

Bei der Artenauswahl von Bäumen und Sträuchern und deren Darstellung als Kreise in Entwurf und Pflanzplan könnte sich am Stadium ‚ab wann funktioniert diese Bepflanzung‘ orientiert und so hinsichtlich Pflanzweite und Habitus der Platzbedarf abgeschätzt werden. 


 

Welche Erziehungsform des Gehölzes passt?


Wähle ich die Erziehungsform Hochstamm, unter dessen Krone ich hindurchsehen und hindurchgehen oder unter der ich sitzen kann? Oder habe ich so viel Platz, so dass ich auch einen Solitär oder Stammbusch (vollständig von unten her belaubt) pflanzen kann, um mich an der natürlichen Wuchsform zu erfreuen – andererseits aber einen Raum besetzen bzw. (positiv gewendet) einen Raum abgrenzen?






Hinter dieser Schein-Zypresse geht's zur 

Haustür: Dieses Gehölz ist für den 

Pflanzplatz ungeeignet und lässt sich arttypisch 

nicht vernünftig zurückschneiden



Gehölze, die nach regelmäßigem Rückschnitt verlangen, weil der Pflanzplatz einst falsch gewählt wurde (zu dicht am Weg, zu dicht an der Fassade), sollten womöglich entfernt und dann durch Arten mit geringerer Endgröße ersetzt werden. Alternativ wird die Schnitt-Verstümmelung regelmäßig mit jeder neuen Saison fortgesetzt.

 

Das Thema Schnitt betrifft selbstverständlich auch den Hecken-Formschnitt. Zwar lässt sich diese Arbeit wie auch die Rasenmahd an Landschaftsbaubetriebe, ja selbst an ungelernte ‚Hilfstrupps‘ vergeben – der Maschineneinsatz wird i.d.R. sehr gut beherrscht und die Heckenschnitte meist sehr akkurat.

 

Soll das Thema Hecke/ Sichtschutz jedoch bereits bei der Planung in erster Linie unter dem Aspekt der Pflegeleichtigkeit berücksichtigt werden, so bieten sich bei ‚Schnittfaulheit‘ bestimmte immergrüne Gehölze an: 


Diese Gehölze erreichen ohne Schnitt zwar nicht die 'Scharfkantigkeit' einer gut geschnittenen Eibenhecke, können aber als nicht schnittbedürftiger immergrüner Schichtschutz funktionieren.

 


Zu dieser (kleinen) Gehölzgruppe zählen beispielsweise

 

Ilex x meserveae (Stechpalme)

 Sorten wie 'Heckenstar' oder 'Heckenpracht' wachsen aufrecht-buschig und benötigen angesichts einer Endbreite wohl zwischen 1,00 und 1,50 m nur bei Bedarf einen Rückschnitt

 

Taxus x media 'Viridis' (Säulen-Eibe)

 Diese Eibensorte wird auch ungeschnitten nicht breiter als etwa 50 bis 60 cm – bei einer Endhöhe zwischen 3 und 7 m(!)

 

Thuja occidentalis 'Smaragd' (Lebensbaum)

Dieser Klassiker soll nicht unerwähnt bleiben, auch wenn Thuja aufgrund der zunehmenden Trockenheit als Verlierer der Klimaveränderungen gelten müssen und zudem v.a. auch Sorten wie 'Smaragd‘' in Folge der Schwächung der Vitalität durch Trockenstress Pilzerkrankungen zeigen:

 

Diese klassische Thuja-Sorte wird auch ungeschnitten nicht breiter als etwa 50 bis 100 cm (das sind dann aber wirklich sehr alte Exemplare). Für ausreichenden Sichtschutz zwischen den einzelnen Pflanzen ist hier eine dicht-an-dicht-Pflanzung unerlässlich. Auch in späteren Jahren zeichnen sich im Unterschied zu ‚normalen‘ formgeschnittenen Hecken die einzelnen Pflanzen noch wellig ab. 


Wenn Sie meine persönlich wie fachliche Einstellung zum Thema Thuja nachlesen möchten, so empfehle ich Ihnen meinen Beitrag 'Böse Hecken' auf der Webseite oder das Interview, das ich im August 2022 Kristina Auer vom Redaktionsnetzwerk Deutschland gegeben habe.



Ein weiteres Kriterium für die Artenauswahl einer pflegeleichten Hecke ist das Regenerationsverhalten nach größeren Eingriffen – z.B., weil Sie eine Saison lang mit dem Heckenschnitt pausiert haben. Soll dann nicht nur der Jahreszuwachs zurückgeschnitten, sondern ein Schnitt ins ‚alte Holz‘ vorgenommen werden (oder vorgenommen werden müssen, z.B. weil öffentliche Gehwege freigeschnitten werden müssen), dann funktioniert das nicht mit allen Gehölzarten.




 

Stärkere Rückschnitte ins alte Holz werden von 

Rot-Buchen (Fagus sylvatica) gut verkraftet - 

sollten und dürfen aber nicht wie auf diesem 

Bild zu sehen im Sommer durchgeführt werden




Radikale Rückschnitte werden von diesen gängigen Heckengehölzarten sehr gut verkraftet:

  • Carpinus betulus (Hainbuche)
  • Crataegus monogyna, C. laevigata (Weißdorn)
  • Fagus sylvatica (Rot-Buche)
  • Ligustrum vulgare (Liguster)
  • Prunus laurocerasus in Sorten (Kirschlorbeer)
  • Taxus baccata (Eibe)

 

Diese Heckengehölzarten verzeihen wenig bis nichts, wenn ins alte Holz geschnitten wird:

  • Thuja occidentalis und Sorten (Thuja, Lebensbaum)
  • Chamaecyparis in Arten und Sorten (Schein-Zypresse)


Wuchsleistung und Gehölzauswahl


Der Gehölzauswahl kommt – logisch - grundlegende Bedeutung für die Gestaltung und Entwicklung eines Gartenraums zu. Gehölze bilden das Gerüst des Gartens und sorgen für Abgrenzung und Raumbildung auf zunächst mehr oder weniger zweidimensionalen Flächen (Bodenmodellierungen werden als weiterer wichtiger Raumbildner leider meist auch aus Platzgründen vernachlässigt). 

 

Bei der Gehölzauswahl sind neben der Standorteignung (Licht-, Boden- und Wasserverhältnisse sowie Konkurrenz zu anderen Bestandsgehölzen und untereinander) Wuchsverhalten und Endgrößen zu berücksichtigen. 

 

Mittelmaß bei der Wuchsleistung ist meist eine gute Empfehlung – als Kompromiss zwischen Funktion und Beherrschbarkeit. 


Auf wuchernde Gehölze sollte mit Blick auf unser Thema 'pflegeleicht' verzichtet werden:

 

Zur Gruppe der Wucherer gehören vor allem auf geeigneten Böden Ausläufer treibende Arten wie einige Wildrosen (z.B. Rosa rugosa), Sibirischer Hartriegel, Brombeeren, Schneebeere (Symphoricarpos) und die Gruppe der Bambus – mit Ausnahme der horstbildenden Arten mit pachymorphen Rhizomen wie bei Fargesia. 


Pappel, Spitz-Ahorn und Hopfen stehen hoffentlich auch auf keiner Pflanzenliste für eine Hausgartenbepflanzung, deren Grundstücksgröße nicht in Hektar gemessen wird.

 

Wer auf Obst im Garten nicht verzichten möchte, umfangreiche Schnittmaßnahmen aber scheut, kann bei Stein- und Kernobst auf schwachwüchsige Buschformen ausweichen oder bei Äpfeln und Birnen auf Säulenformen oder Sorten, die auf schwach wachsenden Unterlagen veredelt wurden. 

 

Die Verwendung von Wildobst in Form von nicht schnittbedürftigen gemischten Naschobsthecken oder Solitärs/Hochstämmen wie in Form von Felsenbirnen oder Maulbeerbaum kann eine Alternative zum stärker pflegebedürftigen Kulturobst sein. 

 


Heidi Howcraft, Landschaftsarchitektin aus München, beschreibt in ihrer leider seit längerem eingestellten Kolumne Garten-Know-How auf bellevue nzz.ch eine Gartengrundregel, die sich auf auf das Thema Gehölzverwendung und Gehölzschnitt übertragen lässt:

 


„Je mehr man von den natürlichen Gegebenheiten abweicht, desto mehr menschlicher Einsatz ist erforderlich. Wenn Sie unbedingt Rhododendren in Ihrem Garten haben wollen, aber der vorhandene Boden kalkhaltig und nicht sauer ist, wie die Pflanzen es mögen, müssen sie Zeit (und Geld) investieren, um die Pflanzen am Leben zu erhalten. Arbeiten Sie mit und nicht gegen Ihren Standort. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Natur.“

 


Haben Sie eine Liste vorgeblich pflegeleichter Pflanzen zusammengestellt, eingekauft und eingepflanzt, werden Sie schnell feststellen: Es gibt Pflanzen, die sich einfach nicht nach Lehrbuch/ Katalogtext verhalten! 

 

Dazu ist im Grunde genommen jeder Gartenstandort und dessen individuelle Bedingungen und zusätzlich die jeweilige Konkurrenzsituation zu benachbarten Pflanzen zu einzigartig.

 

Das war viel Text! Danke, dass Sie bis hierhin durchgehalten haben, erlauben Sie mir aber noch diese Schlussbemerkung: 


Zur Annäherung an einen Garten, der im besten Fall pflegeleicht wird, gehört auch Learning by Beobachtung und Entschlossenheit plus eine Portion Gnadenlosigkeit.


Problempflanzen werden gegen 'Funktionierer' ausgetauscht um die Pflanzenauswahl an den individuellen Standort anzupassen und die Pflanzen untereinander in einer verträglichen Konkurrenz neben- und nicht gegeneinander stehen - soweit das zumindest für einen gewissen Zeitraum bei dem dynamischen Konstrukt 'Garten' überhaupt möglich ist.




PS:

Sie wohnen im unmittelbaren 'Wirkungskreis' eines hausmeisterlichen Service-Rundschnitters? Dann machen Sie es wie vor einigen Jahren bei einem Projekt der öffentlichen Hand geplant: Erheben Sie den Rundschnitt zum Gestaltungsprinzip, indem Sie rundschnitttolerante Gehölze von Anfang an vorsehen.  







Keine Kandidaten für die nächste Flowershow, 

aber vor allem im unteren Fall schon fast  

skulptural anmutendes Bodendecker-Gehölztrimming: Cotoneaster-Kissen (oben) und Hancock-Knoten (unten, Symphoricarpos x chenaultii 'Hancock', die Form 

ergab sich aus den erforderlichen Pflegewegen)



Im Zusammenspiel mit malerischen Baumkronen kann eine regelmäßig getrimmte Strauchschicht aus Liguster, Buchsbaum (bzw. gesunden Ersatzarten), Eibe oder Berberitzen einen interessanten gestalterischen Kontrast bilden. 


Auch beachtlich 'smoothe' Cotoneaster- und Lonicera ‚Maigrün‘-Flächen wurden schon gesichtet. 


Aber wehe Sie planen so eine Topiary-like Pflanzung: Das funktioniert dann natürlich nicht – denn wer bitteschön soll das denn jedes Jahr rundschneiden?






Veröffentlicht in Pflanzenverwendung am 01.12.2022 16:45 Uhr.

C500

Ein ganz besonders großer und alter Freund geht auf die Reise...

Unser täglich Brot sind die 'Brot-und-Butter-Bäume', die über den Hofversand verschickt werden. Das sind Hochstämme und Alleebäume mit Stammumfängen zwischen 14 und 25 cm. 

Denn das sind die Größen, die wir in unseren Freiand- und Containerbaumquartieren üblicherweise kultivieren. Wachsen die Bäume größer als etwa 30 cm, muss leider regelmäßig die Säge anrücken. Denn im Unterschied zu den 'Big Five' der Baumschulen hierzulande (Bruns, von Ehren, Ley, Baum & Bonheur, Lorberg) fehlen uns für derlei 'Big' Qualitäten schlicht Flächen und Gerät.

Umso aufregender ist es, wenn wir doch einmal einen derartigen 'Kawenzmann' versenden:







Erste Aufgabe des Staplerballetts von Michaela 
und Ilona: Der Baum muss vorsichtig flach gelegt 
werden, um ihn dann von der Seite 
in den Trailer zu laden


Dabei handelt es sich um eine Trauben-Eiche (Quercus petraea), die als letztes Exemplar eines neu zu bepflanzenden Freilandquartiers als zu schade für die Säge befunden wurde. 

So wurde die Eiche vor einiger Zeit bereits unter Mühen (gezerrter Rücken) in einen 500-Liter-Container umgetopft und dann bis zum jetzigen Stammumfang von 50-60 cm gepflegt.

Der Baum wird als C500, StU 50-60, Kronengröße 200-300 x 500-700 verkauft und ist einschließlich Container und Stamm rund 9 m lang!




Die Eiche wurde sicher auf den Trailer geladen, 
gepolstert und abgestützt. Jetzt fehlt nur noch die 
Verzurrung für die korrekte Ladungssicherung



Fast geschafft: Ein besonderer Einsatz auch für 
Kevin und Jannik 


Unser Einzelstück wird jetzt über einen großen Pflanzenonline-Händler für Endkunden angeboten.

Herzlichen Dank an das Team für diesen besonderen und erfolgreichen Einsatz! Einen Zeitraffer-Film gibt's auf unserem Instagramkonto @horstbradfisch.

Film und Fotos: Ilona und Michaela Neumeister


Veröffentlicht in Baumschule am 28.11.2022 16:48 Uhr.

Landschaftsarchitekten auf Praxistour

Der BDLA/ Landesgruppe Schleswig-Holstein lädt seine Mitglieder und interessierte Planer auf eine Reihe von Betriebsbesichtigungen ein. Erste Station: Baumschule Bradfisch




Auftakt im Containerbaumquartier


Am Mittwoch, 26.10.22 hat der BDLA-SH (Bund Deutscher Landschaftsarchitekten) unter Leitung von Herrn Groth und bei herrlichstem Herbstwetter die Praxistour  bei uns in der Baumschule gestartet.

Als weitere Praxis-Stationen sind Besuche eines Fertigbetonteilwerks, einer Steinmetzwerkstatt sowie eines Landschaftsbaubetriebes in Schleswig-Holstein angedacht.

Unter fachkundigen Führung unseres Betriebsleiters Eckhard Rode konnte der kleinen, aber sehr interessierten Gruppe Einblicke in unsere Baumschule gegeben werden: 

Wie sehen Hochstämme und Alleebäume eigentlich aus, wenn sie als 2 xv gepflanzt wurden? Wie entwickeln sich Bäume nach dem ersten, zweiten, dritten und vierten Standjahr in den Quartieren? Mit welchem Maschinen- und Personaleinsatz werden Bäume bei uns gepflanzt, verschult und versandfertig vorbereitet? 





Die Gruppe war angesichts der Größe der Baumschule und der Menge der Bäume doch erstaunt, dass sich über sehr zielgenauen und auf die Quartiere perfekt abgestimmten Technikeinsatz der Maschinenpark sehr übersichtlich halten lässt.

Ergänzt um zahlreiche Anektoden und Fachsimpeleien (plus Kaffee und Butterkuchen) war es aus unserer Sicht ein gelungener Auftakt der Praxisreihe - für die weiteren Stationen wünschen wir dem BDLA ein noch stärkeres Interesse des planerischen Nachwuchses an Ausflügen in die Praxis. 







Veröffentlicht in Baumschule am 24.10.2022 8:21 Uhr.

Baumbewässerungssäcke: Top oder Flop?

Die Wasserversorgung von Stadtbäumen treibt Kommunen vor allem nach einem Trockenjahr wie 2022 um. Immer häufiger werden dazu Baumbewässerungs-säcke aus Kunststoff eingesetzt. Können die Säcke die Erwartungen erfüllen - und was sind die Alternativen für die Baumnachsorge mit Wasser?






Jungbaumversorgung per Baumbewässerungssack: Immer mehr Kommunen versuchen, die Wasserversorgung der Stadtbäume auf diese Weise sicherzustellen und zu vereinfachen. Praktisch sind die Säcke auf Flächen , auf denen schlecht ein Gießrand ausgebildet werden kann wie bei dieser ungebundenen Platzfläche des Washingtonplatzes am Berliner Hauptbahnhof . Andererseits könnte man die grünen Säcke als neuentdeckten Teil des Mülltrenn- und 

Einsammeluniversums  in der Tradition des Gelben Sacks halten... 




Auf kommunaler Ebene werden aus eigener Beobachtung zunehmend sog. Baumbewässerungssäcke verwendet, über die ähnlich einer Tropfbewässerung kontinuierlich Wasser in Stammnähe abgegeben wird. Der Boden der Säcke ist dazu fein perforiert. Eine Vollfüllung Wasser tropft dabei je nach Modell in einem Zeitraum von etwa 2 bis 10 Stunden.


Der Sack wird dazu um den Stamm herum gelegt und meist per Reißverschluss geschlossen. Ein Gießrand wird bei 'sackversorgten' Jungbäumen i.d.R. nicht mehr ausgebildet. In den Produktbeschreibungen des MEYER-Katalogs werden Säcke mit einem Inhalt zwischen 60 und 100 l für Bäume mit Stammumfängen ab 8 bis 30 cm empfohlen.

 

Nun sind diese Säcke ein weiteres 'Accessoire' im Katalog der Standortvorbereitung, Baumpflanzung und Baumnachsorge, mit dem die Hersteller verdienen möchten. 


Unter Einbeziehung einer Presseschau nach dem Trockensommer 2022 sollen nachfolgend Vor- und Nachteile zusammengestellt und ein vorläufiges Fazit gezogen werden:



Pro Bewässerungssack!

  • flexible Handhabung, nachträgliche Ausrüstung/ jederzeitige Entfernung möglich, Wiederverwertbarkeit; Einlagerung während der Vegetationsruhe möglich

  • wartungsarm, geringere Fehleranfälligkeit im Vergleich zu unsachgemäßer Schlauchbewässerung

  • effiziente Wasserversorgung, keine Verdunstung oder seitliches 'Weglaufen' des Wassers wie bei Gießrandbefüllung; durch Kombination mehrerer Säcke sind auch größere Wassermengenabgaben möglich
  • längere Versorgung bei kurzem Füllgang, Zeitersparnis Sackbefüllung im Vergleich der gleichen Wassermenge per Handbewässerung in den Gießrand

  • Wasserversorgung auch auf Flächen wie ungebundenen Deckschichten (‚wassergebundene Wegedecke‘) möglich, da Gießrand entbehrlich

  • dosiergenaue Zumischbarkeit von Zusatz- und Hilfsstoffen wie Dünger oder Huminsäure möglich (Nährstoffversorgung, Salzbinder, Bodenaktivator), jedoch Gefahr, dass bestimmte Stoffe die Poren des Sackes verstopfen

 

Kontra Bewässerungssack!

  • Füllmengenbegrenzung
Die Kombination von zwei Säcken mit dann etwa 100 bis 120 l Wasserfüllung bedeuten umgerechnet auf Mindestwassermengen je Wässerungsgang einen Durchgang und damit die Erfordernis zum regelmäßigen Auffüllen der Säcke; einzelne 50- oder 60-Liter Säcke erfüllen im Grunde genommen nicht die Mindestwassermengen je Wässerungsgang

  • relativ umständliche Schlauchbefüllung der Standard-Säcke
Alternative sind 'Gießringe' oder Säcke mit extra großer Einfüllöffnung, die sich mit großer Technik schneller befüllen lassen

  • überwiegend oberflächliche Bodendurchfeuchtung 

Aufgrund der eher geringen Wassermengen und Durchfeuchtung nur der obersten Bodenschicht vor allem bei Verwendung kleiner Einzelsäcke kann zu einer ungünstigen Entwicklung des Wurzelwerks bei Jungbäumen führen. Das Wurzelwachstum richtet sich  auf oberste (befeuchtete) Bodenschicht, wodurch die Trockenstressgefahr wächst. Diese Beobachtung wurde bei Jungbäumen in Hannover gemacht.  Die Bewässerungssäcke wurden daraufhin abgeschafft und zur manuellen Bewässerung über Gießringe und Gießränder zurückgekehrt. (Quelle: Meldung Hannoversche Allgemeine vom 22.07.2022: Stadt Laatzen lagert Bewässerungssäcke ein und gießt Bäume wieder per Hand)

  • Beobachtung von Hitzeschäden am Stamm im Bereich der Säcke (Sommer 2022)
Mögliche Abhilfe könnte eine Befestigung der Säcke nicht am Stamm, sondern an Baumverankerungspfählen sein (Quelle: Meldung TASPO Garten Design, Ausgabe 5 September/ Oktober 2022, Beitrag von Martina Borowski: Bäume richtig wässern – aber wie?)

 




Falsche Anwendung von Baumbewässerungssäcken bei Altbäumen: In Stammnähe angebracht nutzlos bis schädlich


  • Nutzlos bis schädlich für alte Bäume bei Installation um den Stamm 
In unmittelbarer Stammnähe findet mangels Feinwurzeln bei Altbäumen keine Wasseraufnahme statt. An Stämmen älterer Bäume im Bezirk Berlin-Mitte wurde unter stammnah installierten Säcken sogar Pilzbefall festgestellt (Quelle: Meldung in BZ vom 19.07.22: Enormer Wasserverbrauch ohne Nutzen – Wasser für Berliner Bäume – Bewässerungssäcke wenig sinnvoll).

Eine Empfehlung lautet: Standard-Wassersäcke sollten nur für Jungbäume während der Anwachsperiode in den ersten drei Jahren verwendet werden. Für Altbäume bietet der Markt spezielle Produkte: Diese großvolumigen Säcke mit Füllmengen zwischen 400 und 1.500 l werden nicht am Stamm sondern im Traufbereich des Altbaumes ausgelegt, also dort, wo Feinwurzeln zur Wasseraufnahme wachsen. Das funktioniert theoretisch sogar auf befestigten Flächen, wenn die Fugen ausreichend wasserdurchlässig sind

  • Anfälligkeit für Vandalismus (v.a. in Innenstadtlagen) und Diebstahl

  • Leistungsverringerung bis Versagen im Laufe der Zeit durch Zusetzen der Poren/ Bewässerungsöffnungen, 
Dieses Risiko besteht insbesondere, wenn zur Befüllung kein Trinkwasser verwendet wird - es gibt jedoch auch Säcke, bei denen die Wasserabgabe über Nähte erfolgt, so dass auch Brauchwasser verwendet werden kann

  • Müllerzeugung am Ende der Lebensdauer: vermeidbarer Kunststoffmüll
Als Lebenszyklus gibt MEYER für Säcke aus PE 3 bis 4 Jahre an, für Säcke aus PVC (UV-empfindlich) lediglich zwei Jahre (https://info.meyer-shop.com/bewaesserungssackvergleich)

  • Gefahr der Beschädigung bei unsachgemäßem Einsatz von Freischneidern

  • Beobachtungen von Verbiss durch Wühlmäuse bei Verwendung in Vororten/ in der freien Landschaft (Meldung vom 15.06.2021 in Die Rheinpfalz: Bewässerungssäcke für Bäume im Stadtgebiet auf dem Prüfstand)



Aus planerischer Sicht sind die Beobachtungen zur Fehlentwicklung des Wurzelwerks bei Jungbäumen, die Nutzlosigkeit einer stammnahen Bewässerung bei Bestandsbäumen und der Faktor Kunststoffmüll kritisch zu beurteilen. 





'Bewässerungssets' aus Drainrohrring: 

Vergrabener Plastikmüll



Die Müllproblematik erinnert an das massenhafte Vergraben der sogenannten ‚Bewässerungssets‘, bestehend aus einem Kunststoff-Drainagerohrring DN 100 plus vertikalem Einfüllstutzen. Neben häufigem Falscheinbau (zu hoch) führt die Verwendung von luftgefüllten perforierten Rohren im Erdreich zum Eindringen von Wurzeln in derartige Vorrichtungen.

Das Wurzelwerk hat bei regelmäßiger Ringbewässerung wenig Anlass, auch in tiefere Bodenschichten mit einem höheren natürlichen und nachhaltigen Angebot an pflanzenverfügbarem Wasser zu wurzeln. 


Die ‚Bewässerungssets‘ haben einen weiteren Nachteil - kurz nachgerechnet:  Ein Bewässerungsring DN 100 mit einem Meter Durchmesser fasst bei Vollfüllung etwa 25 Liter Wasser – und damit nur etwa ein Viertel der empfehlenswerten Wassergabe je Wässerungsgang. 


Weder ist die Versickerung des eingefüllten Wassers kontrollierbar noch der Zeitpunkt, an dem im Grunde genommen drei Mal bis zur Mindestwassermenge nachgefüllt werden müsste – nämlich dann, wenn das eingefüllte Wasser vollständig aus dem Ring versickert wäre.



Klassiker der Baumnachsorge: 

Gießrand plus Baumschnorchel

 

Eine praktikable und müllarme Bewässerungsmethode bleibt die Kombination von Gießrand plus vertikaler Baumbewässerungseinrichtung – besser bekannt als ‚Baumschnorchel‘ 


(Link zum Produkt: https://www.meyer-shop.com/baumschnorchel-20-l-blaehton-im-juteschlauch)

 

Diese gut 1 m langen und im Durchmesser rd. 15 bis 20 cm messenden Schnorchel bestehen aus mit ca. 20 Litern Blähton gefüllten Jutebeuteln. 


Mit der Baumgrubenverfüllung werden i.d.R. vier Schnorchel je Grube vertikal an die Grubenwände gestellt und verfüllt. Neben der Verbesserung des Boden-Gas-Austausches speichert der Blähton Feuchtigkeit und Wassergaben über den Gießrand gelangen bis tief in die Baumgrube.






Künstlicher Gießrand aus HDPE für die

 Erleichterung der Wässerung der Solitärgehölzpflanzungen auf dem Schnelsener Autobahndeckel an der Heidlohstraße 



Eine weitere, weniger häufig zu beobachtende Gießhilfe ist der künstliche 'Gießrand'. Dabei handelt es sich um auf Rolle gewickelte, 2 bis 3 mm dicke und 250 bis 300 mm breite Kunststoffstreifen aus HDPE oder LDPE (leider: kein Recycling-Material).


Streifen werden als mit einer speziellen Kupplung verbundener Ring etwa 10 cm tief um die Baumscheibe eingesenkt. Damit verbleiben etwa 15 bis 20 cm Ringüberstand, in den hinein gewässert werden kann: 


Bei einem Ringdurchmesser von 80 cm (= 2,50 lfm Ring) können bis zur Vollfüllung bis etwa 100 l Wasser in den Ring gegeben werden.




Kostenvergleich von Bewässerungseinrichtungen


Im Kostenvergleich (nur Materialkosten) liegen die Investitionskosten für Baumschnorchel mit etwa 12 bis 20 € je 20-Liter-Schnorchel (4 Stk pro Baum sind sinnvoll) über denen für Bewässerungssäcke (je nach Größe ca. 12 bis 20 € pro Stück) oder dem unsterblichen ‚Baumbewässerungsset‘ aus Drainagerohrring (ca. 25 bis 75 €). Der Kunststoff-Gießring von der Rolle kostet umgerechnet auf 2,50 lfm plus Kupplung gut 11 €.



Fazit


Die Zeitersparnis der Bewässerungssäcke dürfte Hauptfaktor bei der Verwendungsbegeisterung vieler Kommunen sein. Es gibt jedoch auch im städtischen Umfeld viele Standorte, an denen sich fachgerecht Gießränder plus Baumschnorchel herstellen lassen, über die die erforderliche Mindestwassermenge per Hand gewässert werden könnte ohne künftigen Kunststoffmüll gleich flächendeckend zu produzieren: 


Denn ein gewichtiger Nachteil der Säcke aus PE und vor allem aus PVC ist die verhältnismäßig kurze Lebensdauer. Säcke aus RC-Material werden unser Kenntnis nach bislang nicht angeboten.


Das Verhalten des Wurzelwachstums bei Jungbäumen bei Sackbewässerung sollte näher untersucht werden - vielleicht eignet sich dies als Thema für eine Bachelorarbeit?




Veröffentlicht in Baumpflege am 25.09.2022 18:34 Uhr.

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Inh.: Bettina Stoldt, Dipl.-Ing. agr. (FH)

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