Wie ich lernte, den Bambus zu fürchten

Ausläufer oder nicht, das war eigentlich keine Frage, denn wir hatten ja Rhizomsperre!

Immergrün, pflegeleicht und weitestgehend frei von Krankheiten und Schädlingen (außer Bambusmilben) – das ist Bambus! Vor allem höherer und hoher Bambus wie die Sorten des Flachrohr-Bambus (Phyllostachys) und des Schirmbambus (Fargesia) haben Bedeutung in der Gartengestaltung.

 




Bambus-Grafik bei  Flachrohrbambus: Faszinierend als Gruppe und im Detail; links: Phyllostachys bissetti, rechts: Halm mit Knickwuchs bei Phyllostachys aureosulcata 'Spectabilis' 




Bambus ist elegant, kann bei der richtigen Inszenierung durch die Grafik seiner Halme vor allem auch im Zusammenspiel mit Architektur beeindrucken, wirken herrlich in Wassernähe und als lockere und im Wind schwingende Solitärs. Das Rascheln der feinen Blättchen ist dabei sinnliche Zugabe.





Die richtig dicken Halme erscheinen bei 

Phyllostachys nach etwa 10 bis 15 Jahren



Aber: In der Verwendung kann die ostasiatisch-exotische Anmutung von hohem Bambus auch deplaziert oder als Fremdkörper wirken. Für naturnahe Pflanzungen und in landschaftlichem Kontext eignen sich Bambus hierzulande nicht und überzeugen mich als Gartenthema nur mit passender ‚Begleitmusik‘ wie z.B. aus Farnen, Gräsern, Rhododendron und Blattschmuckstauden.


Auch nicht verschwiegen sollte der leider sehr geringe ökologische Wert dieses Riesengrases für die heimische Vogel- und Insektenwelt: Bambus ist weder Nahrungsquelle noch Nistplatz (und nein, Pandabären zählen nicht zur heimischen Tierwelt). Bambus schneidet in ökologischer Hinsicht damit noch schlechter ab als die teilweise zu Recht kritisierten Thuja und Kirschlorbeerpflanzungen.





Bambus als Instant-Sichtschutz: Lieferung und Pflanzung von 4 m hohen Phyllostachys aureosulcata 'Spectabilis'; erkennbar auf dem linken Bild entlang des Betonplattenweges: Rhizomsperre 



Je nach Art und Sorte können die Halme der wichtigsten Art Phyllostachys bis zu 8 m hoch werden. Bambus sind zwar immergrün, die Lebensdauer einzelner Halme ist aber dennoch begrenzt – Fachleute sprechen von einer durchschnittlichen Lebensdauer von etwa 6 Jahren für den einzelnen Halm. Mit zunehmendem Alter werden die ehemals frischgrünen (bzw. je nach Art blaugrünen oder gelben) Halme grau und fahl, teils sterben sie ganz ab.

 




Drei Halme von einer Pflanze: Unten ein frisch ausgetriebener Halm, in der Mitte ein 1 bis 2 Jahre alter Halm, oben: alter Halm mit fahler Färbung




Die besonderen Eigenschaften des Bambus  - nämlich die Lockerheit der Bambusgestalt, die sortentypisch starken, farbige, besonders gezeichneten Halme oder besondere Wuchseigenschaften wie der Zickzack-Wuchs einiger Phyllostachys-Sorten kommen i.d.R. nur bei gezielter Pflege gartenästhetisch richtig zu Geltung. 




Bild links: Bambus-Wand als undurchdringlicher pflanzlicher Teiler zwischen zwei Gartenbereichen; Bild rechts: Um die Halme besser zur Geltung kommen zu lassen, sollte die Seitenbezweigung im unteren Teil entfernt werden - ist Sichtschutzfunktion erwünscht, Seitenbezweigung bei den Halmen im Hintergrund belassen




Zu diesen Pflegemaßnahmen zählen:

 

-      Ausdünnen von Halmen für nicht zu dichten Stand

-      Entfernung von jüngeren (dünnen) Halmen

-      Entfernung von Seitentrieben im unteren Bereich, um die Halme freizustellen

-  Entfernung alter/ überalterter Halme

 

Die abgefallenen Blättchen (das Bambuslaub) sollte vor Ort belassen werden, sind sie doch wichtige Siliziumquelle als wichtiger Baustoff für Zellwände und zur Verbesserung der Trockenresistenz.


Bambus lässt sich mit Blick auf das Ausbreitungsverhalten in zwei Gruppen einteilen: 

 

Die eine – i.d.R. im Gartendauerverhalten unproblematische - Gruppe sind horstbildende Bambus. Zu dieser Gruppe gehören die weit verbreiteten Sorten von Fargesia (auch bekannt als Sinarundinaria) mit den eher sehr schlanken Halmen. 

 

Neue Halme wachsen bei dieser Sorte aus einer unterirdischen Knospe (pachymorphes Rhizom), so dass eng aneinanderstehende Halme entstehen 

 

Deren Horste können jedoch mit den Jahren bei bambusfreundlichem Standort auch eine beachtliche Größe erreichen. Mit einem scharfen Spaten lassen sich diese Horste jedoch problemlos reduzieren – dies ist auch das Vorgehen, um Bambus zu vermehren: nämlich durch Teilung. Durch das Zusammenbinden eines ‚Halmpaketes‘ und der anschließenden Wurzelteilung lässt sich so eine neue Pflanze gewinnen. Ratsam ist die Einkürzung des so neu entstandenen Halmpaketes – so lassen sich Windempfindlichkeit und Verdunstungsrate der neuen Tochterpflanze verringern.

 

Und dann kommen wir zur zweiten Bambusgruppe und deren im Garten problematischem Ausbreitungsverhalten: Der Gruppe der ausläuferbildenden Bambus. Die verbreitetste Art dieser Gruppe sind Phyllostachys.

 




Rhizom von Phyllostachys nigra: 

Aus einem Auge des Rhizoms hat sich 

bereits eine veritable Halmknospe entwickelt



Bambus dieser Gruppe verfügt über ausläuferbildende Rhizome, sog. leptomorphe Rhizome. Aus den sogenannten Rhizomaugen der leptomorphen Rhizome entwickeln sich neue Halme oder weitere Rhizome.

 

Das Augenmerk bei Rodungsaktionen ‚entkommener‘ ausläuferbildender Bambus gilt ebendiesen Rhizomen. Es reicht nicht aus, diese meist nicht sehr tief unter der Oberfläche verlaufenden finger- bis daumendicken Rhizome einfach per Spaten im Boden zu Scheiben zu zerstückeln: Die Rhizome werden wieder austreiben.  Aus diesem Grund gehören Rhizome auch nicht zum Kompost (es sei denn, Sie möchten Bambus dort vermehren).

 




Die Seitenwurzeln des Rhizoms ('Drahtbürstchen') stellen beim Verbleib im Boden keine Gefahr 

für einen Neuaustrieb dar



Die wie dünne Drahtbürstchen von den Rhizomen abstehenden Wurzeln sind übrigens unproblematisch, auch wenn sie (beim Herausreißen der Rhizome fast zwangsläufig zum Teil) im Boden verbleiben – daraus treibt das Gras nicht erneut aus.

 

Die Neigung zum ausläuferbedingten Wuchern wird gelegentlich in Abhängigkeit zur Bodenart gesehen: Auf schweren Lehm- und Tonböden scheinen potenziell ausläufertreibende Sorten eher größere Horste zu bilden. Davon berichtet zumindest Jos van der Palen in einer alten Ausgabe der Gartenpraxis. Darauf ankommen lassen würde ich es nicht!

 

Als Rhizomsperren eignen sich HDPE-Folien mit einer Dicke von 2 mm. In dieser Dicke ist eine ausreichend hohe Wurzelfestigkeit gegen die Bambusrhizome gewährleistet. Die Folie ist bei 2 mm Dicke so steif, dass der Einbau als ‚stehender Ring‘ erleichtert wird. 

 

Bambusrhizome kriechen recht flach. Als Standard-Folienbreite für Rhizomsperren wird Rollenware in 70 cm Breite angeboten. Dazu erhältlich sind passende und bei korrekter Montage ‚ausbruchssichere‘ Verschluss-Schienen aus Aluminium.

 

Je nach Rhizomdruck innerhalb einer Sperre, die von der Größe der eingesperrten Fläche abhängig ist (Empfehlung: ø mindestens 1,50 m, besser größer) sowie von den Wachstumsbedingungen, können die sich eigentlich flach ausbreitenden Rhizome bei entsprechendem Drehwuchs entlang der Innenseite der Folie diese auch unterwandern. Tiefere Sperren bieten so gesehen eine größere Sicherheit, bedeuten aber auch erheblichen Mehraufwand bei der Herstellung. Die Firma Hermann Meyer bietet Folien bis 100 cm an, einschließlich der passenden Verschluss-Schiene.

 

Ganz wichtig beim Einbau der Rhizomsperre: Die Oberkante der Folie sollte umlaufend 5 bis 10 cm über Geländeniveau eingebaut werden, denn Rhizome können zu flache Kanten tatsächlich überwinden. Diese Folienkanten lassen sich mittels Stauden- oder Gräserpflanzung außenherum kaschieren.

 

Ein Landschaftsgärtner schwört auf eine andere Lösung: Er hat beobachtet, dass sich Bambus innerhalb einer (ggfs. zu engen) Wurzelsperre über drehwüchsige Rhizome selbst strangulieren. Er schlägt vor, in der Rhizomsperre einen Spalt zu belassen und alle Rhizome, die dort hindurchwachsen, kontrolliert abzuschneiden. So ließe sich die Neigung zur Selbststrangulation by Drehwuchs verhindern. Haben Sie Erfahrung mit dieser Methode? Dann schreiben Sie uns!




Ausläufer trotz Rhizomsperre


Viel häufiger wird der unbeabsichtigte, unbemerkte und vor allem ungewollte Rhizomausbruch im Garten vorkommen.

 

 

Auf meiner Im-Garten-To-Do-Liste steht seit längerer Zeit, genauer gesagt seit 4 Jahren ein in unsichtbarer Tinte geschriebener (weil sehr unangenehmer) Punkt: Bambusausläufer entfernen.

 




Herbst 2011: Frisch gepflanzt und artig 

stehen drei Phyllostachys nigra innerhalb 

ihrer Wurzelsperren



2011 haben wir als halbtransparente pflanzliche Terrassenbegrenzung drei Exemplare von Phyllostachys nigra gepflanzt, ‚gesichert‘ durch zwei Rhizomsperren. 

 

Was schon bald nach der Pflanzung auffällt: Wir haben wohl Klone gepflanzt, deren Halme nicht so richtig schwarz ausfärben – oder handelt es sich gar um Phyllostachys bissettii mit seinen olivgrünen Halmen? 

 

Egal, die drei Bambuspflanzen fingen im dritten Jahr nach der Pflanzung an, neue Halme zu bilden und bald hatten wir eine angenehm halbtransparente Bambusgruppe für flirrenden Schatten auf der Terrasse und trotzdem noch ein wenig Durchblick vom Wohnzimmerfenster bis in den Garten – und eben keine Heckenwand.





Lush Life auf der sommernächtlichen Terrasse unter Bambusblätterdach und mit illuminierten (freigestellten) Halmen, die halbtransparent abschirmen aber nicht abschotten: Bambus perfekt!

 



Unsere Terrasse ist ein Holzdeck. Im Jahr 2018, also 7 Jahre nach Pflanzung, tauchten vereinzelt kleine Bambustriebe sowie einzelne Bambusblätter-büschel in den Fugen der Terrassendielen auf. Nur vereinzelt – und so gut es eben geht auch gleich entfernt (abgerissen trifft es wohl besser).

 




Harmlos, die kleinen Bambusblättchenbüschel 

in der Fuge zwischen bodentiefer 

Fensterbank und Holzdeck?




Diese Blättchen und Triebe tauchten von nun an in jedem Jahr erneut auf. 2021 wurde unübersehbar, dass es dem Bambus in seiner Rhizomsperre so langweilig wurde, dass er gleich in mehrere Richtungen Ausbreitungsversuche gestartet hatte: Neben den Blättchenbüscheln und Minihalmen im Bereich des Holzdecks erschienen nun auch etwas stärkere Halme auf der den Bambus und der Terrasse gegenüberliegenden Pflanzfläche. 

 

Bambus, wir haben ein Problem!

 

Jetzt hatten wir Angst die Faxen dicke und starteten die Mission ‚Rhizomausbruch bekämpfen‘. Auf der Pflanzfläche war dies einfach: Folge der Spur der Halme und grabe das Rhizom aus.  Die Rhizomsperren selbst wurden freigelegt und alle Rhizome, die über die Folienkante hinübergeköpfert hatten, wurden gekappt.

Problematisch blieben die Blättchenbüschel in den Fugen des Holzdecks: Einzelne Dielen wurden abgeschraubt und die unter dem Deck horizontal niederliegenden Halme (nicht Rhizome!) so gut wie möglich herausgerissen. 



Die Rhizome hatten es mittlerweile bis vor die Hausfassade geschafft – das sind immerhin fast 4 Meter von der Mutterpflanze entfernt. Dort, in der Fuge zwischen Holzdeck und Fassade, erschienen mittlerweile auch wieder dünne Halme und Blättchenbüschel - bis zu 12 m von der Mutterpflanze entfernt...

 

Um nicht das Holzdeck in größerem Umfang aufnehmen zu müssen, beschränkten wir uns auf die Salamimethode: Per Spaten einfach das Rhizom in kleine Stücke zerteilen…

 

2022. Der Bambus ist zurück und scheint nun mutig (kräftig) genug, sein wahres Gesicht zu zeigen. Die Rhizom-Zerstückelaktion war nicht erfolgreich, denn der Bambus hatte weitere Flächen bereits infiltriert. Besonders eifrig war er unter dem Traufstreifen aus Kupferschlackeschotter: Aus dieser Fläche sprossen nun daumendicke(!) Halme mit Wuchsleistungen von sicherlich 25 bis 30 cm pro Tag.

 

Es nützte nichts: Die Fläche musste freigelegt werden, es hieß: der Bambus oder wir!

 




Rhizomalarm unter dem Traufstreifen: 

Freigelegte Rhizome zwischen Geortextil 

 



Und so sah es unter dem Traufstreifen aus: Dicke Rhizombündel wie Mittelspannungsleitungen durchzogen die Fläche. Zahlreiche Bambusspross-Knospen waren bereits in Hab-Acht-Position. Und am allerschlimmsten: Die Rhizome hatten sich wie Nähnadeln mit dem Geotextil, dass als Trennlage unter der Kupferschlacke verlegt wurde, verwoben. Die Rhizome ließen sich nur per Schere vom Geotextil trennen.


 



Bambusrhizome - da legst Du Dich nieder - 

wie hier unser Bambus nach kräftigem Schneefall. Bambus ist so flexibel, dass er sich später mit 

Ausnahme einiger weniger gebrochener Halme 

wieder vollständig aufrichtet. 

Bei der Pflanzung als Sichtschutzhecke ist dieses Niederliegen-Verhalten, das sich in abgechwächter Form auch nach Starkregenereignissen zeigt, dennoch unbedingt einzukalkulieren: 

Die Flächen sind nicht betretbar




Diese Fläche ist nun rhizomfrei. Leider befürchte ich Schlimmes für die Fläche unter dem Holzdeck. Ich werde den Spaten wohl schon für 2023 schärfen…





Veröffentlicht in Pflanzenverwendung am 21.06.2022 8:02 Uhr.

Pflegeleicht!

Pflegeleicht soll der Garten sein. Doch was bedeutet 'pflegeleicht' und was macht uns am meisten Arbeit im Garten? Wir haben dazu eine TOP 5  der aufwändigsten Gartenarbeiten (und wie sich die Arbeit erleichtern lässt) zusammengestellt. Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Serie


Was bedeutet eigentlich ‚pflegeleicht‘ ?

 

Natürlich Grillen & chillen im Garten! Der Garten wird heute verstanden als erweiterter Wohnraum und viel weniger als zu früheren Zeiten als Ort für Pflanzen, Obst und Gemüse. Das gilt sicherlich nicht für jeden Garten – aber der Trend ist unübersehbar. 

 

Ein Blick in ein Gartencenter zeigt ausgedehnte Outdoor-Living-Abteilungen, in denen allerlei Grill und Grillzubehör, Outdoor-Küchen und vor allem Outdoor-Möbel mit immer witterungsbeständigeren Bezügen angeboten werden. Automover gehören selbst im Reihenhausgarten mittlerweile zur Standard-Gartenausstattung – auch, weil Rasen noch immer (oder dank der Rasenmähroboter jetzt erst recht) auch in Handtuchgröße als pflegeleicht gilt.

 

Welche Zutaten benötigt also ein ‚pflegeleichter Garten‘?

Oder andersherum gefragt – welche Gartenarbeiten kosten viel Aufwand und Zeit? 

 

Ist der Trend zum geschotterten „Garten“ als vermeintliche Endstufe von Pflegeleichtigkeit womöglich Ausdruck eines Wunsches, wenigstens das unmittelbare häusliche Umfeld unter vollständiger Kontrolle zu halten? 

 

Stichwort ‚Schottergarten‘: Erste Kommunen versuchen mit Satzungen derlei Garten-Unraum entgegenzuwirken oder fordern sogar den Rückbau der Schotterflächen mit Verweis auf Verstöße gegen die jeweilige Landesbauordnung. Diese fordern nämlich für nicht bebaute Grundstücksflächen (und teils explizit für Vorgärten) neben einer Wasserdurchlässigkeit auch eine gärtnerische Gestaltung durch ‚Begrünung UND Bepflanzung‘ (aus: Hamburgische Bauordnung). 

 

In der Landesbauordnung Schleswig-Holstein sind die nicht überbauten Flächen des bebauten Grundstücks zu begrünen ODER zu bepflanzen – für Haarspaltende mit der Tendenz zur Pflegeleichtigkeit um jeden Preis bedeutet dieses Schlupfloch eine Lösung von der Rolle: Kunstrasen auszurollen, grünen Kunstrasen …

 




Die Landesbauordnung Schleswig-Holstein

erlaubt Kunstrasen auch im Garten...



Dynamik und der Zwang zur Geduld als hervorragende Kennzeichen eines Gartens werden vielerorts abgelöst durch Instant-Deko-Klimbim wie Bhudda-Figuren, Cottage-Körbchen oder Cortenstahl-Gartenstecker.

 

 

Die trendwelten.eu haben ‚Gärtnern 2.0‘ ausgerufen „Aus Gärtnern wird Gardening“ wird der Trend einer der vergangenen Messe spoga + gafa-Messe beschrieben- „dabei wird nicht nur gejätet, gegossen und gepflanzt, sondern auch dekoriert, verziert und liebevoll eingerichtet“.Das Gärtnern als Kontakt der Hände mit Pflanzen und dem Boden verschiebt sich zum Gardening – der Dekoration und dem Umblättern von Gartenmagazinen. 





Grillen und chillen hinter Kirschlorbeer und unter Bhuddas gnädigen Augen: Dagegen ist abgesehen vom Geschmack und der Frage, was denn einen schönen Garten eigentlich ausmacht, überhaupt nichts einzuwenden - in diesem Garten eines Neubaugebietes wurde zur Pflegeerleichterung eine Mähkante aus Kleinpflaster hergestellt.



Und: ‚Einfach machen lassen! Draußen wird genauso komfortabel gewohnt wie drinnen“.

 

Für die gewünschte Eigenschaft ‚pflegeleicht‘ reicht es trotz ausgerufenem 2.0 oder 4.0-Status nach wie vor leider nicht aus, robuste und langlebige Pflanzen gleichsam eines Sonnenschirms einmal einzugraben und dann den Garten im Grunde genommen vergessen zu können. Plant and forget? Vergessen Sie es!

 


Dazu haben wir in der Baumschule noch ein eindringliches Beispiel in Erinnerung: 

 

Ein Landschaftsbauunternehmen bemängelt im September drei ein halbes Jahr zuvor gepflanzte und nun mausetote Dachplatanen. Schadbild: Aufgeplatzte Rinde an den Stammfüßen aller drei Hochstämme. 

Hier müsse die Baumschule nun Ersatz leisten, bestimmt handele es sich um einen Transportschaden, auf jeden Fall müsse doch eine Anwachsgarantie greifen.

 

Gepflanzt wurde in eine Grobschotterfläche, die Bäume waren augenscheinlich auch angewachsen. 

Jedoch: Gießrand? Fehlanzeige. Stammschattierung? Wozu, es war doch 2021 gar nicht so sonnig und heiß und hat doch so viel geregnet… 

 

Einmal auf die heiße Herdplatte gefasst (im übertragenen Sinne) reicht für den Schaden jedoch vollkommen aus – die Spitzentemperatur von knapp 35 °C plus entsprechende Strahlung im Juni 2021 dürfte bei der gegebenen Nicht-Versorgungslage und Unterlassen elementarer Pflegemaßnahmen für den Totalausfall vollkommen ausreichend gewesen sein. 

 

Ohne ein Mindestmaß und vor allem regelmäßig und kontinuierlich ausgeführte Pflegemaßnahmen wird es nichts mit der Kombination von ‚pflegeleicht‘ und ‚Garten– es sei denn, Sie wohnen in einer verwunschenen Ruine und freuen sich über einen gartenästhetisch dazu passenden Ruderalgarten. 






Hauptsache 'pflegeleicht'? 


Das Begrünungsziel dieser Fläche bleibt unklar





Vor einiger Zeit kam das Gespräch mit einem Vermessungstrupp auf die Beobachtung, dass immer mehr Eigenheimbesitzer ihr Grundstück vermessen lassen mit dem Ziel einer Grundstücksteilung. Das hat in einem Ballungsraum wie Hamburg sicherlich mit den exorbitanten Grundstückspreisen und daraus erzielbaren Verkaufserlösen zu tun. Vielen Eigentümern eines Einfamilienhauses sei aber – so die Vermessungstechnikerin – das Grundstück angesichts des Pflegeaufwandes ganz einfach zu groß.

 


Schätzen Sie Ihre gärtnerischen Ambitionen, Fähigkeiten und Möglichkeiten realistisch ein. 


Gibt es Gartenarbeiten, die Sie vielleicht an ein Landschaftsbauunternehmen vergeben könnten? Typischerweise fallen zu Saisonbeginn und Saisonende nicht nur zahlreiche Arbeiten an, sondern auch viel Grünschnitt. Zusammen mit einem Maschineneinsatz für den Hecken-Formschnitt ist zu diesen drei Zeitpunkten im Gartenjahr gärtnerische Unterstützung sinnvoll – und der Grünschnitt wird auch gleich mitgenommen.

 

Renate Waas, erfahrene Landschaftsarchitektin aus München mit zahlreichen vorbildlichen Privatgartenplanungen im Portfolio, schreibt aus Ihrer Homepage renate-waas.de zum Thema ‚pflegeleichter Garten‘:

 

„Ein pflegeleichter Garten darf sehr gern wunderschön, bienenfreundlich, nützlich für Vögel und gemütlich für die Gartenbesitzer sein - aber sicher nicht langweilig. Das muss auch nicht sein. Man muss weder auf üppige Bepflanzung noch auf Rasen verzichten. 


Eigentlich muss man auf gar nichts verzichten - die richtige Kombination von Flächen und Pflanzen, der richtige Belag und ein paar Vorbereitungen des Bodens vor der Pflanzung erleichtern alle Arbeiten schon ungemein. Auch ein passionierter Hobbygärtner darf sich die Arbeit erleichtern und auch mal die Beine hochlegen!“




Dieser Einschätzung stimmen wir unbedingt zu, denn ‚üppige Bepflanzung‘ interessiert uns als Pflanzenproduzenten und -händler natürlich zu allererst. 

 

So haben wir unseren Zeigefinger gespitzt und einmal versucht, die Top 5 der Gartenarbeit zu identifizieren, die uns vom ‚Träumen und Genießen‘ (Zitat mein-schoener-garten.de) abhalten.

 

Wir starten die mehrteilige Serie in den kommenden Tagen!



P.S.

Alle Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner, die bei ‚pflegeleicht‘ verächtlich den Kopf hinter diesem roten Tuch schütteln - auch und gerade weil sie gerne mit den Händen in der Erde wühlen - dürfen sich diese als Fortsetzungsgeschichte angelegte ‚Hitliste‘ trotzdem durchlesenJ



Veröffentlicht in Bepflanzungsplanung am 02.06.2022 12:34 Uhr.

CO2-Kompensation ja, aber wie? Zwischen Baumpfand und Climate Rockstar

Ende März 2022 wurde vom Hamburg Airport öffentlichkeitswirksam die Klimaneutralität des Flughafens verkündet. Auch eine 750 ha große Waldfläche spielt für die Kompensation der Treibhausgase eine Rolle. Uns als Baumproduzent interessiert natürlich, was hinter Kompensationsansätzen über Bäumen steckt und die Frage: Was bringt ein Baum überhaupt?

Vor einiger Zeit am LINDNER-Feinkosttresen im Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg:

 

Sie hätte noch eine ganz wichtige Information und zwar unbedingt für meine Frau! – so die Verkäuferin zu mir. Denn meiner Frau wolle Sie diesen Flyer aushändigen: 

 


Das Baumpfand: 

Qualität bewahren, Natur fördern.

 


Worum geht’s? Es geht um die Salatbecher der Firma LINDNER Feinkost – also um die ‚qualitätssichernde‘ Transportverpackung für Produkte wie die Salate von der Frischetheke. 


Diese Verpackungen bestehen aus recht festem (dickwandigem) Polypropylen (PP). Polypropylen ist gut recycelbar, jedoch dürfen Produkte aus PP-Recyclat leider keinen Kontakt zu Lebensmitteln haben, so dass aus den alten Bechern von LINDNER keine neuen Becher für Lebensmittel hergestellt werden - nur ein Downcyling ist möglich.

 

 

LINDNER schreibt auf der Webseite (https://www.lindneresskultur.de/lindner/baumpfand/)

 

„Aber wie können wir diese qualitätssichernde Verpackung weiter benutzen und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten? Wir sind erleichtert, dass wir auf diese Herausforderung eine gute Antwort gefunden haben:

Das LINDNER Baumpfand!

Mit jedem zurückgegebenen Becher tragen Sie dreifach zum Klima- bzw. Umweltschutz bei: Sie lösen das Baumpfand aus für ein Aufforstungsprojekt. Alle Becher werden dem fachgerechten Recycling zugeführt. Und Sie setzen ein Zeichen, das Schule macht! 

Ihr gutes Beispiel inspiriert automatisch andere. Bäume sind wichtig für die Umwelt. Sie produzieren Sauerstoff, verhindern Erosion, binden CO2 und Wasser. 

Deshalb bedeutet LINDNER Baumpfand für uns einen markanten Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.“


Der Becher soll nach Gebrauch („bitte unbedingt gereinigt“) an der Frischetheke abgegeben werden. Die Becher werden mit neuem Deckel wiederverwendet dem fachgerechten Recycling zugeführt. 

Pro Frischebecher werden 5 ct an den Klimaschutzpartner PLANT-MY-TREE ® gespendet. Diese Spendengelder flössen vollständig in den Kauf von Baumsetzlingen, mit denen PLANT-MY-TREE ® genau definierte Waldflächen bepflanze.

 

Dass nicht mir als ahnungslosem MANN sondern meiner Frau mit ihrem von der Natur vorgesehenen Frauenauspülfachverstand das Baumpfand (und das Prozedere, diese Becher eben nicht wegzuschmeißen, sondern ordentlich ausgespült zurückzubringen) erklärt werden musste, geschenkt!

 


Je mehr Plastikbecher, desto Wald?


Bäume sind wichtig für die Umwelt, wer würde in diesem Punkt widersprechen? Die Frage der Speicherung vom Treibhausgas CO2 als fester Kohlenstoff im Holz von Bäumen ist im Zuge von Klimaveränderung und der Entwicklung nachhaltiger CO2-Zertifikate von großem Interesse. Insofern sind auch auf den ersten Blick paradoxe Aktionen vom Typus Baumpfand (je mehr Plastikbecher desto Wald…) zumindest ein Zeichen des Bewusstseinswandels. 

 


Bitte einfach wählen: 

Tree Friend oder Climate Rockstar?

 

Doch Konsum-Kompensation für ein gutes Gewissen - das geht noch bequemer und ganz ohne ausgespülte Becher, wie das Beispiel GROW MY TREE growmytree.com zeigt: 

 

„So einfach geht’s: 

 

1. Wähle deine passende Option 

2. Schließe deine Bestellung ab

3. Wir pflanzen Bäume für Dich

4. Du erhältst dein personalisiertes Baum-Zertifikat 

 

und, ganz ganz wichtig:

 

5. Teile deine gute Tat auf Social Media“

 

Die ‚passende Option‘ startet mit dem ‚Tree Friend‘: 

1 Baum für 4,80 €, dadurch Neutralisierung von 22 kg CO2 pro Jahr - lt. growmytree entspräche das dem Verzehr von 600 g Rindfleisch oder 158 kg Gemüse oder eine Bahnfahrt Köln-München.

 

Wolle volle Kompensation? Das geht! mit der Endstufe, dem ‚Climate Rockstar‘: exakt 440 Bäume für  484,00 €, dadurch Neutralisierung von 9.680 kg CO2 pro Jahr, was dem gesamten durchschnittlichen CO2-Jahresausstoß eines deutschen Bürgers entspräche.

 

 


Kompensation und Waldprojekte: 

Klima- und Umweltschutz-Ablasshandel?

 

Liest man sich auf der Webseite ein wenig durch die Fragen, wird schnell klar, dass die entscheidende Frage

 

„Wie viel CO2 kompensiert ein Baum?“ 

 

bedauerlicherweise mit  

 

„leider schwierig pauschal zu beantworten“ 

 

zu beantworten ist -

 

„zum einen, weil unterschiedliche Baumarten unterschiedlich viel Kohlenstoff binden und zum anderen Bäume innerhalb ihrer unterschiedlichen Entwicklungsstadien verschiedene Mengen an Kohlenstoff einbinden.“

 


Als „Faustformel“ ließe sich aber sagen – so GROW MY TREE - 


„dass ein Baum pro Jahr durchschnittlich 22 kg CO2“ 


absorbiere. In Äquatornähe sei dieser Wert höher uswusf. Als Quelle wird die Webseite der European Environment Agency (Europäische Umweltagentur, eine Agentur der EU genannt, wo recht allgemein und ohne Quellenangabe geschrieben steht

 

„Bäume helfen auch bei der Bekämpfung des Klimawandels – in nur einem Jahr nimmt ein ausgewachsener Baum etwa 22 Kilogramm Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und erzeugt im Austausch Sauerstoff.“

 



gefällte Bäume binden kein CO2



Allerdings gilt das bei Licht betrachtet generell nur, wenn ein Baum

 

-      überhaupt so alt wird, als dass er als ‚ausgewachsener Baum‘ zählt

-      nicht gefällt und verfeuert wird (und somit gebundenes CO2 wieder freigesetzt wird)

-      nicht (vorzeitig) abstirbt und sich beim Zersetzungsprozess Kohlenstoffverbindungen wieder zu CO2 umwandeln, das in die Luft abgegeben wird

 

 


Schätzwerte: 

22 kg, 16 kg oder 10 kg pro Baum und Jahr...


Andere Quellen nennen differenziertere Werte als die 22 kg CO2 pro Baum und Jahr. So nennt die Webseite a.plant-for-the-planet.org für einen Baum im lateinamerikanischen Tropenwald in den ersten 20 Jahren eine CO2-Bindung von ca. 16 kg pro Jahr.

 

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es zur CO2-Aufnahmerate keine zuverlässigen globalen Daten gäbe. Als Schätzung für einen globalen Durchschnitt werden hier 10 kg CO2-Bindefähigkeit je Baum und Jahr genannt. 

 

 

Einen Wert für den Beitrag von hiesigen Wäldern zur CO2-Senkung liefert das Bundesinformations-zentrum Landwirtschaft

 

Mit Bezug auf die ‚Kohlenstoffinventur‘ aus dem Jahr 2017 wird der jährliche Holzzuwachs bei Rot-Buchen im Bundesdurchschnitt mit ca. 9 cbm und Jahr angegeben. Umgerechnet bedeutet dieser Wert für die Bindefähigkeit durch die ober- und unterirdische Biomasse der Buchen einen Wert von ca. 12 Tonnen pro Jahr und Hektar. Dies sei allerdings ein theoretischer Wert, da über die Gesamtlebensdauer eines Buchenbestandes etwa die Hälfte entnommen und ein Großteil davon als Brennholz weiterverwendet werde.

 

Weiter heißt es dort:

 

„Wenn die Wirkung von Wäldern als CO2-Senke berechnet wird, geht es nicht um den bereits in Holz oder Wurzeln gebundenen Kohlenstoff, sondern darum das, was jedes Jahr durch das Wachstum der Bäume zusätzlich gebunden wird.“

 



Kompensation: Zuwachs von 2.500 qm 

Buchenwald für eine Flugreise mit der 

Familie von Frankfurt/ Main nach Mallorca


Als Vergleichsrechnung wird die Flugreise einer vierköpfigen Familie von Frankfurt/ Main nach Mallorca aufgestellt: Zur Kompensation des Treibhausgasausstoßes (fossiler Brennstoff Kerosin) würde der Jahreszuwachs eines Buchenwaldes von knapp 2.500 qm benötigt.

 

 


Die Stiftung Unternehmen Wald versucht sich über exemplarische Vergleichsrechnungen an Größenschätzungen für unsere Wälder und listet Kriterien für unterschiedliche Speichervermögen auf, die in einem ‚Ranking‘ der Baumarten dargestellt werden.

 

Als Kriterien für die Speichermenge bzw. das Speichervermögen werden genannt

 

-      artbedingte Holzmasse und Holzdichte (Darrwichte)

-      Alter der Bäume

-      Geografische Lage (Länge der Vegetationsperiode)

 

Die arttypische Holzdichte (je schwerer das Holz desto größer die CO2-Speicherung) erlaubt ein Ranking von Baumarten

 

Hainbuche > Rot-Buche > Eiche > Birke > Ahorn > Lärche > Kiefer > Douglasie > Tanne > Schwarz-Pappel

 

Unberücksichtigt bei Betrachtung der Darrwichte unterschiedlicher Hölzer der Baumarten als alleiniger Faktor bleibt die Größenordnung/ Wuchsstärke einzelner Baumarten:


So wird eine ausgewachsene Stiel-Eiche als Großbaum I. Ordnung viel mehr CO2 festlegen können als eine Vogelkirsche mit zwar höherer Darrwichte – aber eben als Kleinbaum III. Ordnung. 

 

Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft hat im Jahr 2011 das LWF-Merkblatt 27 zum Thema Kohlenstoffspeicherung von Bäumen herausgebracht. 

 


Mittels der Werte Baumhöhe und Brusthöhen-durchmesser (BHD) werden für die Waldbaumarten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche matrixartige Schätztabellen auf Grundlage bayerischer Daten der Bundeswaldinventur verwendet. 


Diese Tabellen sind für die Einschätzung von Kompensationswerten hiesiger Wälder weit handfester und vor allem praxistauglicher als die in nur einem Jahr nimmt ein ausgewachsener Baum etwa 22 Kilogramm Kohlendioxid aus der Atmosphäre“.

 

Die Stiftung Unternehmen Wald nennt ihrerseits als Faustformel: 1 Hektar Wald speichere pro Jahr über alle Altersklassen hinweg ca. 6 Tonnen CO2 

(zur Erinnerung: das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft nennt für einen Buchenwald den doppelt so hohen Wert von 12 Tonnen CO2 je ha und Jahr). 

 

Als Fazit steht für die Stiftung jedoch am Ende aufgrund der Unmöglichkeit der Übertragbarkeit und Verallgemeinerbarkeit von Werten eines einzelnen Baumes

 

„Wir machen daher keine Aussagen, wie viel CO2 ein Baum speichert.“

 


 

Waldprojekte und Doppelanrechnung

 

Bei Kompensationsprojekten ‚Wald‘ weist die Stiftung Unternehmen Wald auf eine weitere Schwierigkeit hin: Die Doppelanrechnung.

 

Doppelanrechnung bedeutet bei Waldprojekten, dass dieselbe eingesparte Menge CO2 zweimal angerechnet wird: einmal bei der Kompensation durch das entsprechende Projekt und dann zur Erreichung von Klimazielen. 


Die Bundesregierung rechnet für den Klimaschutz jeden Baum an, so dass eine zusätzliche (die doppelte) Bilanzierung über Privatpersonen oder Unternehmen erfolgen würde. Hierzulande zertifizieren große Projektanbieter daher auch keine Projekte in Deutschland.

 

 

 

Waldprojekte: 

Ungeeignet für Kompensationsmaßnahmen?

 

Die Firma atmosfair gGmbH aus Berlin ist eine Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reisen, die nach ihren Angaben „aktiven Klimaschutz“ betreibt „u.a. mit der Kompensation von Treibhausgasen durch erneuerbare Energien.“

 

Technologische Innovationen, verbunden mit einem bewussteren Umgang (Reduktion, Vermeidung, Kompensation) mit den natürlichen Ressourcen werden als wichtige Bestandteile eines dringend gebotenen Transformationsprozesses verstanden. 


Die Firma fördert zahlreiche Klimaschutzprojekte - Waldschutzprojekte (‚Setzlinge‘) werden hingegen nicht unterstützt. 

 


Warum nicht?

 

Atmosfair gewichtet Unsicherheitsfaktoren bei globalen Waldprojekten für eigene Projekte als Ausschlusskriterien:

 

-      Unsicherheit bzgl. der Dauerhaftigkeit von Waldprojekten; ein Fortbestand projektbezogener Waldflächen von wenigstens 50 Jahren müsste versichert werden

-      Risiko von Nutzungskonflikten, ‚Leakage‘-Problem (Verlagerung von Abholzungen)

-      Unzureichende Wahrung von Menschenrechten (z.B. durch Vertreibungen aus Aufforstungsprojekten)

-      Notwendigkeit von Vorabfinanzierung von Aufforstungen (Kompensationszahlungen werden lokal sofort benötigt)

 



Waldbrände, Abholzung und das 

'Leakage'-Problem bedrohen die 

Nachhaltigkeit von Waldkompen-

sationsprojekten unmittelbar




Wirklich nachhaltig seien Schutz und Aufforstung bestehender intakter und stabiler Waldökosysteme. Die Vermeidung von Emissionen sollte erstes Ziel sein, nicht die Entlassung aus der Verantwortung für unser Tun und unsere Konsumfolgen über eine Art von Ablasshandel.

 

Bedeutet: Gar nicht erst in Flugzeug steigen, den Fleischkonsum reduzieren und erneuerbare Energien nutzen. Transformation gelänge nur, wenn Kompensationsangebote nicht als Freifahrtschein für klimaschädliches Verhalten verwendet würden – in Form eines Klima- und Umweltschutz-Ablasshandels.

 

 


Wie lassen sich geeignete Kompensationsprojekte erkennen?

 

Kompensationsprogramme können mit unterschiedlichen Kompensationsstandards zertifiziert sein, die Kriterien vorgeben und deren sinnvolle Umsetzung prüfen. 


Zu den bekannten Standards zählen

-      Gold Standard (entwickelt vom WWF und anderen Umweltorganisationen)

-      VCS (Verified Carbon Standard u.a. gegründet von der Climate Group und dem Weltwirtschaftsforum)

-      CDM (Clean Development Mechanism, mit strengen Regeln hinsichtlich der Einsparung von Treibhausgasen)

 

Mit Zusatzstandards kann bei Waldprojekten geprüft und dokumentiert werden, ob neben dem Klimaschutzzielen auch natur- und artenschutzrechtliche Aspekte angemessen berücksichtigt werden. Standards unterscheiden sich sehr voneinander. Mit Blick auf Waldprojekte können beispielsweise Mindeststand-garantien je nach Standard zwischen 5 und 100 Jahren(!) variieren.

 

Die Firma PLANT-MY-TREE® mit Baumspende-/ Waldprojekten in Deutschland (zu denen auch Lindners Baumpfand beiträgt) nennt auf Ihrer Homepage Projektlaufzeiten von mindestens 99 Jahren, in denen keine Abholzung oder wirtschaftliche Nutzung erfolgen soll. 

 

Eine Zertifizierung – abgesehen nach DIN ISO 9001, einer Norm für Qualitätsmanagement – bietet diese Firma nicht an, dafür aber einen großen Strauß von 'attraktiven' Marketing-Möglichkeiten für Unternehmen, vom Aufkleber über die werbewirksame Verwendung des ‚Klimaschutz-Partner‘-Logo bis zur Baumfreund-Urkunde.

 

Der Ausgleich von Klimabilanzen durch den Kauf von Produkten – also durch bestimmten Konsum den Klimawandel zu verlangsamen – das ist zunächst ein verhältnismäßig preiswert einzukaufendes Werbeversprechen.

 

Unterschlagen wird, dass am klimaschädlichen Verhalten von ‚Verbrauch‘ zunächst und unmittelbar kein Setzling etwas ändert. Denn pflanzliche Kompensationen sind stets Vorkasseleistung: die Belastung mit Treibhausgasen entsteht durch Konsum unmittelbar, während die kompensatorisch ‚gekauften‘ neuen Bäume über einen sehr langen Zeitraum wachsen und erhalten bleiben müssen, um die kompensatorische Wirkung zu leisten.

 

 

Einzelbäume und Kompensation

 


Ein Gehölzsämling - so könnte sich ein 'Setzling' vorgestellt werden



Nein, wir als Hochbaumschule produzieren keine ‚Setzlinge‘ für Waldprojekte – also die Forstgehölze, die üblicherweise für derartige Kompensationskampagnen verwendet und gepflanzt werden. Während es für den Forstbereich fortgeschrittene Berechnungen gibt (s.o.), lassen sich derlei Zahlen nicht ohne Weiteres auf die typischerweise von uns als Hochstämme und Alleebäume produzierten Einzelbäume im städtischen Umfeld übertragen. 

 

Diese ‚Einzelbäume‘ werden auch nicht zu Aufforstungszwecken im Wald eingesetzt, sondern überwiegend zur Begrünung in der Landschaft und Siedlungsraum.

 

Die Frage der Kohlenstoffbindung ist als Argumentationshilfe für jeden einzelnen neu zu pflanzenden Stadtbaum und den Erhalt von städtischen Grünstrukturen jedoch wichtiger denn je. Bäume zu pflanzen und zu erhalten ist wichtig und richtig aus vielerlei Gründen. Denn es gehen von Ihnen eine ganze Reihe von Wohlfahrtswirkungen aus:

 

-      Beitrag zu sauberer Atemluft (Sauerstoffbildung)

-      CO2-Festlegung

-      Temperaturregulierung/ Temperaturabsenkung von bis zu 5°C

-      Gestalterisch-ästhetischer Beitrag zum Erholungsnutzen

-      Reduzierung von Lärm- und Stressfaktoren

-      Wasserrückhaltung 

-      Rückhaltung von Luftschadstoffen und Staub

-      Nahrungsquelle und Habitat zahlreicher Insekten, Vögel, Säuger und Bodenlebewesen

 

 

In der Fachzeitschrift Deutsche Baumschule, Ausgabe 06/ 2021 wird zur Quantifizierung der Kohlenstoffspeicherung bei Einzelbäumen (‚zum Wert von Bäumen‘) eine Methode des Sachverständigenbüros Leitsch GmbH (Groß-Gerau) vorgestellt.

 

Deren Ansatz beruht auf Berechnungsansätzen für qualifizierte Schätzungen zu den Kohlenstoffvorräten einzelner Bäume. Als Eingangsparameter werden dazu verwendet:

 

-      Artspezifische Darrdichten einzelner Holzarten

-      Baumhöhe

-      Brusthöhendurchmesser

-      Näherungsweise Faktoren zum Habitus (‚Formigkeit‘) des jeweiligen Baumes

 

Angesprochen wird so tatsächlich der einzelne Baum mit seinem individuellen Habitus, um auf das jeweilige Holzvolumen schließen zu können, wobei auch die unterirdische Biomasse (das Wurzelwerk) einbezogen wird, indem ein pauschaler Faktor in Relation zur oberirdischen Biomasse angesetzt wird. Auf diese Weise lässt sich über die Umrechnung molarer Massen von Kohlenstoffatomen und CO2-Molekülen näherungsweise berechnen, wieviel gasförmiges CO2 im bisherigen Lebenslauf des Baumes in dessen Holz als Kohlenstoff festgelegt wurde und somit aus der Atmosphäre gebunden wurde.

 



Einzelbäume in der Stadt: Was 'bringen' die 

eigentlich hinsichtlich CO2-Festlegung?



Die so ermittelte Zahl bildet den BIS-JETZT-Zustand ab, ohne dass dieser Wert auf den interessanteren weil monetär/ kompensatorisch geeigneteren künftigen CO2-Festlegungswert in kg pro Jahr konkretisiert werden könnte.

 

Eine Berechnung auf Basis eines jährlichen Zuwachses sei aufwändig, so die Aussage vom Büro Leitsch. Was möglich wäre, sei die Verfolgung des CO2-Speicherpotenzials größerer städtischer Baumbestände über einen längeren Zeitraum. Im Abstand von mehreren Jahren könnten Volumina von Baumbeständen erfasst werden, um den Zuwachs zu ermitteln.

 

Grundsätzlich bieten Bäume I. Ordnung aufgrund ihrer Langlebigkeit ein besonders hohes Speicherpotenzial, wobei Jungbäume durch größeren Jahreszuwachs gegenüber ausgewachsenen Bäumen im Verhältnis mehr CO2 pro Jahr durch Dicken- und Volumenzuwachs festlegen.

 


Zurück zu den Frischebechern von LINDNER Feinkost und dem Baumpfand: Über PLANT-MY-TREE® kostet die Baumspende für Unternehmen je Baum 14,28 €. Das bedeutet, dass bei einem Becherpfand von 5 ct für jeweils 285,6 zurückgebrachter Becher ein Baum gespendet wird. 

 

Lt. Webseite LINDNER (‚Aktueller Erfolgsstand‘, Stand 25.03.22) wurden exakt 500 neue Bäume gepflanzt – das bedeutet, es wurden sagenhafte 142.800 Becher zurückgebracht?! Wahnsinn.

 

Vielleicht sollte ein anderes Beispiel auch bei Lindners Schule machen: REBOWL findet als echtes Gastronomie-Pfandsystem immer mehr Ausgabestellen. Die lt. Webseite 200 bis 500 Mal wiederverwendbaren ‚Bowls‘ aus PP vom Hersteller MEPAL sind so gut, dass wir einige Exemplare in unserem Haushalt noch gar nicht wieder zurückgegeben haben…




P.S. Meldung im Hamburger Abendblatt vom 23.03.22: 

 

Hamburg Airport ist seit Ende 2021 klimaneutral!

 

Dazu wurden u.a. Vorfeldfahrzeuge auf synthetische Kraftstoffe bzw. auf Wasserstoff- und E-Antriebe umgestellt, auf LED-Beleuchtung getauscht, eine grüne Landstromversorgung für Flugzeuge installiert, hochwertige Ausgleichszertifikate gekauft und ein über 750 Hektar großer Klimawald bei Kaltenkirchen erhalten bzw. zusätzlich aufgeforstet. Das Problem der Doppelanrechnung (s.o.) umgeht der Flughafen nach eigenen Angaben, indem zusätzliche Ausgleichs-zertifikate erworben wurden.

 

Richtig müsste es wohl heißen: Der Betrieb des Flughafens ist nun klimaneutral. Denn weder die durch den Flughafen erzeugten Verkehre, noch die graue Energie der einst errichteten Baumassen noch die eigentlichen Flüge werden eingerechnet, denn – so schreibt Hamburg Airport auf seiner Webseite – 


„Die Emissionen der Flugzeuge sind Emissionen Dritter (…). In der CO2-Bilanz werden sie der jeweiligen Fluggesellschaft zugeschrieben.“

 

Der BUND Hamburg gibt am 23.03.22 dazu eine Stellungnahme ab und verdeutlicht den Drahtseilakt zwischen Kompensation und Greenwashing:


„Mit großem Aufzug und den Senatoren Dressel und Westhagemann feiert der Hamburger Senat heute seinen Flughafen. Als erster großer deutscher Flughafenbetrieb soll der Airport das Zertifikat „CO2-Neutralität“ erhalten. Wie der Senat mitteilt, erfolgt die Zertifizierung durch die „unabhängige, weltweite Airport Carbon Accreditation“.


„Das Label ‚CO2-neutraler Flughafen‘ ist eine riesige Mogelpackung, ein Greenwashing, wie es perfider kaum geht“, empört sich der stv. Vorsitzende des BUND Hamburg, Martin Mosel. „Angesichts der sich massiv aufdrängenden Erfordernisse für einen wirksamen Klimaschutz sind wir entsetzt, dass der rot-grüne Senat die Relevanz des Flugverkehrs in der Klimakrise völlig ausblendet. Der Flugverkehr genießt in Hamburg das große klimapolitische Privileg der Unantastbarkeit, jetzt soll noch der Eindruck vermittelt werden, dass Fliegen klimaneutral geht“, so Mosel weiter.“





Quellen:


Atmosfair gGmbH: Waldschutzprojekte und Kompensation

https://www.atmosfair.de/de/standards/waldschutzprojekte/

 

Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF): Kohlenstoffspeicherung von Bäumen. LWF-Merkblatt 27 (April 2012)

https://www.lwf.bayern.de/service/publikationen/lwf_merkblatt/022680/index.php

 

BUND Landesverband Hamburg: Zertifizierung des Airports ist eine klimapolitische Mogelpackung

https://www.bund-hamburg.de/service/presse/detail/news/zertifizierung-des-airports-ist-eine-klimapolitische-mogelpackung/

 

Bundesinformation Landwirtschaft: 

Wie viel CO2 binden Wälder?

https://www.landwirtschaft.de/landwirtschaft-verstehen/haetten-sies-gewusst/pflanzenbau/wie-viel-co2-binden-waelder

 

Deutsche Baumschule, Ausgabe 06/2021: 

Kohlenstoff – wie viel speichert ein Einzelbaum?

 

EUA/ EEA Europäische Umweltagentur: 

Wälder, Gesundheit und Klimawandel

https://www.eea.europa.eu/de/articles/waelder-gesundheit-und-klimawandel

 

GROW MY TREE

Growmytree.com

 

Hamburger Abendblatt: Bäume pflanzen für den Klimaschutz, Ausgabe vom 11.03.2022

 

Hamburger Abendblatt: Ist Hamburgs Flughafen jetzt klimaneutral? Ausgabe vom 24.03.22

 

Hamburg Airport: Unser Beitrag zum Klimaschutz: Der CO“-neutrale Flughafenbetrieb

https://www.hamburg-airport.de/de/unternehmen/umwelt/unser-beitrag-zum-klimaschutz-der-co2-neutrale-flughafenbetrieb-26238

 

LINDNER Esskultur: 

Baumpfand – Qualität bewahren, Natur fördern

https://www.lindner-esskultur.de/lindner/baumpfand/

 

PLANT FOR THE PLANET Website

https://a.plant-for-the-planet.org

 

PLANT-MY-TREE® Webseite

https://www.plant-my-tree.de

 

REBOWL Pfandprodukte Website

https://rebowl.de/pfandschale/

 

Stiftung Unternehmen Wald: Wie viel Kohlendioxid (CO2) speichert der Wald bzw. ein Baum?

https://www.wald.de/waldwissen/wie-viel-kohlendioxid-co2-speichert-der-wald-bzw-ein-baum/

 

ZEIT Online: CO2-Kompensation: Ich fliege, du pflanzt Bäume, VÖ 11.11.2021

https://www.zeit.de/green/2021-11/co2-kompensation-emissionsausgleich-co2-bilanz-klimaschutz-klimakrise

 

Bilder (bis auf das erste Foto): pxhere.com (CC0)


Veröffentlicht in Baumschule am 26.03.2022 10:26 Uhr.

Flechten an Gehölzen: Ein Mangel?

Vor allem an der Wetterseite von Gehölzen treten fleckenartige Beläge auf. Handelt es sich um Flechten, dann besteht kein Grund zur Panik.

 

 Flechten an Hochstamm im Freilandquarrier

 


Was sind Flechten überhaupt?

 

Flechten zählen zur Gruppe der Epiphyten – das sind Lebewesen, die als Aufsitzer auf Untergründen (Substraten) wachsen, ohne diese Wirte für Wasser- oder Nährstoffversorgung ‚anzuzapfen‘.

 

Flechten sind also keine Parasiten und was das ‚Substrat‘ angeht, sind sie auch nicht sehr wählerisch. Damit lässt sich auch erklären, warum Flechten auf künstlichen wie natürlichen Oberflächen zu finden sind und mitnichten nur an Pflanzen. Auch an Steinen, Fels- oder Betonflächen,  auf metallischen oder lackierten Oberflächen und in der Baumschule beispielsweise auch auf der Kunststoffoberfläche des Bändchengewebes unserer Containerstellflächen wachsen Flechten. 


Unterschiedliche Flechtenarten siedeln dabei auf unterschiedlichen ‚Substraten‘ – die Zahl der hierzulande anzutreffenden Flechtenarten wird auf etwa 1700 geschätzt.




Flechten siedeln mitnichten nur auf Gehölzen: 

Auch auf lackierten Oberflächen (Bild oben), 

auf Stein und sogar auf dem Bändchengewebe 

unserer Containerstellflächen (Bild unten rechts) 

finden sich Flechten als klassische Pioniere

 



Wohngemeinschaften aus Pilz und Alge

 

Flechten bezeichnen eine Lebensgemeinschaft zwischen einem (oder auch mehreren) Pilzen sowie Grünalgen oder Cyanobakterien. Gemeinsam bilden sie die Wuchsform ‚Flechte‘. Flechten werden botanisch dem Reich der Pilze zugeordnet.

 

Der Pilz bilden in dieser Gemeinschaft mittels der Pilzfäden den eigentlichen Vegetationskörper und sorgt für die Verankerung.


Die Alge bzw. das Cyanobakterium übernimmt mit ihrer Fähigkeit zur Photosynthese die Energiezufuhr. Vorteil für den Pilz (der sog. Mykobiont), der in der WG damit quasi die Hosen an hat: 


Die Algen (der sog. Photobiont) versorgen den Pilz mit zuckerhaltigen Verbindungen als Nährstoffe, der Pilz wiederum verlängert durch seine Pilzfäden den Prozess der Austrocknung des Mykobionten und schützt diesen vor schädlicher UV-Strahlung.

 

Da Flechten für eine aktive Wasseraufnahme Wurzeln fehlen, können sie auch nicht - im Unterschied zum Parasiten - ihre Wirtspflanze anzapfen. Die Regulierung des Wasserhaushaltes erfolgt vielmehr durch schwammartiges Aufsaugen von Niederschlägen, Tau oder Wasserdampf bei hoher Luftfeuchtigkeit. In Trockenphasen fallen Flechten trocken in eine photosynthetisch inaktive Ruhestarre. Ihren (sehr geringen) Nährstoffbedarf decken Flechten aus der Luft bzw. über im Niederschlagswasser gelöste Stoffe.

 

Angesichts dieses Lebenswandels ist es wenig verwunderlich, dass die meisten Flechten sehr langsam wachsen. Flechten können nur auf Standorten siedeln, auf denen sie nicht von Pflanzen überwachsen werden (denn dann könnten sie aufgrund des Lichtmangels keine Photosynthese betreiben) und wo Moose nicht konkurrenzstärker sind – wie es beispielsweise häufig auf feuchten Standorten der Fall ist.

 

Flechten sind also prädestiniert für die Besiedelung exponierter, ja sogar extremer Standorte. Auf Fels sind sie Pioniere, die zur Bodenbildung beitragen.

 


Unsere Gehölze: Extremstandorte für Flechten?

 

Uns interessieren die Flechten, die sich Baumrinde als ‚Substrat‘ aussuchen. Auch auf diesen lebenden pflanzlichen Unterlagen verhalten sich Flechten nicht als Parasit – weder Wasser noch Nährstoffe werden dem Phloem der Gehölze entnommen. 


Das Gehölz wird lediglich als Haftunterlage genutzt. Flechten finden sich häufig auf älteren Bäumen. Doch nicht nur an Baumarten mit gefurchter oder rissiger Borke zeigen sich Flechten. Auch glatte Stammoberflächen bieten noch ausreichend Haftmöglichkeiten. Da Gehölze ihre Rinde im Inneren des Stammes bilden (die Borke entsteht aus Kork und bereits abgestorbenen Teilen des Bastes), wird die Rindenbildung nicht durch Flechtenbesatz beeinflusst. 




Flechtenbesatz an Quercus robur im Landschaftsschutzgebiet Fischbeker Heide: 

Zeiger guter Luftqualität



Gegen die Entfernung von Flechten spricht somit außer den rein optischen Gründen, dass sie nicht schädigend für Gehölze sind und zahlreiche Flechten laut Roter Liste gar als gefährdet eingestuft werden.


Im Merkblatt ‚Flechten an Obstgehölzen‘ (Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt) wird erläutert, dass allenfalls ein flächiger Überzug die Atmung des Gehölzes beeinträchtigen könne, da Gehölze nicht nur über die Blätter, sondern mittels der Spaltöffnungen von Lentizellen oder Korkwarzen auch über die Zweige atmen würden. Flechtenbesatz am Fruchtholz, den Knospen oder bis an die Triebspitzen könne den Fruchtansatz mindern.

 

Einen umfangreicher Flechtenüberzug bei Obstgehölzen beurteilt die LLG Sachsen-Anhalt insofern kritisch, als der Bewuchs zur Überwinterung tierischer Schädlinge dienen könnte und die unter den Flechten schlechter abtrocknende Rinde Schadpilzen gute Bedingungen bieten könne.

 

Die Ansiedelung von Flechten und die unerlässliche Versorgung mit Feuchtigkeit wird von einem Mikroklima höherer Luftfeuchte begünstigt. Geringe Pflanzabstände, dichtes Kronengeäst, windgeschützte und/ oder luftfeuchte Lagen können das Auftreten von Flechten begünstigen. 


Geschlossene Baumschulquartiere bieten Flechten insofern relativ gute Bedingungen, wobei die Stämme junger Bäume allenfalls arttypisch gefurcht und ansonsten eher glatt sind. Bei uns finden sich bei Hochstämmen in den Freilandquartieren nur vereinzelter Flechtenbesatz und dort vor allem bei längeren Standzeiten (größeren Qualitäten).


Als Zeigerpflanzen geringer Luftverunreinigungen kann das Auftreten von Flechten durchaus auch sehr positiv beurteilt werden. Flechten lassen sich sogar als Bioindikatoren für Schadstoffbelastungen der Luft einsetzen.

 



Flechte = saubere Luft? 

Keine Regel ohne Ausnahme

 


Doch keine Regel ohne Ausnahme: Die blattförmige Gewöhnliche Gelbflechte Xanthoria parietina (Bild) mag als sog. ‚Stadtflechte‘ die mit düngenden Stickstoffverbindungen angereicherte (eutrophierte) belastete Luft von Innenstädten und Gewerbegebieten bzw. verhält sich tolerant gegenüber Luftverschmutzung – sogar gegenüber Schwermetallbelastung.  

 



Optischer Mangel




Flechtenbesatz an frisch gelieferten Solitärs von 

Betula utilis 'Doorenbos': Optischer Mangel 

(Foto: BHF Landschaftsarchitekten, Kiel)



Ein Flechtenüberzug beispielsweise an einem ausgesprochenen Rindenschmuckgehölz wie der Weißrindigen Himalaya-Birke (Betula utilis ‘Dorenbos‘) deutet zwar nicht auf Vitalitätsmängel hin. 


Aus Kundensicht muss ein solcher Flechtenüberzug jedoch als optischer Mangel bewertet werden. Hervorragendes Verwendungsmerkmal dieses Gehölzes ist eine schließlich die weiße Rinde. 

 

Abhilfe verspricht eine sorgsame Stamm- bzw. Triebpflege. Zahlreiche Flechtenarten haften recht locker an der Borke und lassen sich meist leicht entfernen. 





Entfernung von Flechten von Trieben eines alten Exemplars von Magnolia liliiflora 'Nigra': 

Eine herkömmliche (am besten nicht zu harte) Wurzelbürste ist das geeignete Werkzeug für 

die Stammpflege



Stammpflege älterer Gehölze lässt sich am besten im Winter durchgeführt wird: Mittels einer geeigneten Bürste lässt sich der Flechtenbelag meist problemlos entfernen. Die Bearbeitung mit der Baumbürste sollte nur mit wenig Druck erfolgen, um Verletzungen der Baumrinde zu vermeiden: Drahtbürsten sind ungeeignet!


Suchen Sie jetzt bloß nicht nach 'Baumbürste' - eine herkömmliche, nicht zu harte Wurzelbürste ist vollkommen ausreichend.

 

Allerdings steigt nach Entfernung alter, flächiger Flechtenüberzüge, die quasi eine zusätzliche Schutzschicht auf der Borke gebildet haben, womöglich das Risiko von Sonnenbrand und Spannungsrissen. Ein Kalkanstrich bis in die Krone nach Entfernung des Flechtenüberzuges kann durch Reflektion davor schützen.

 

Ein fachgerechter Schnitt bei Obstgehölzen (regelmäßiges Auslichten der Baumkrone) hält die Krone offen und gut durchlüftet. 

 

 

Quellen:

 

Bryologisch-Lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e.V. (BLAM): Allgemeines zur Flechtenkunde; abgerufen unter https://blam-bl.de/lichenologie.html (Januar 2021)

 

Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt, Bernburg (Saale): Merkblatt Flechten an Obstgehölzen, August 2018

 

Margraf, Dr. Klaus: Keine Panik bei Flechten und Algen an Gehölzen, in: Gartenpraxis 12/2018, Ulmer-Verlag

 

NABU: Die Gelbflechte: Mehr Aufmerksamkeit für die Doppelwesen aus Pilz und Alge; abgerufen unter https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/sonstige-arten/pilze-flechten-moose/artenportraets/01837.html (Januar 2021)

 

Wikipedia.de: Flechte; abgerufen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Flechte (Januar 2021)

 



Veröffentlicht in Botanik am 12.01.2022 8:12 Uhr.

Wir wünschen einen guten und gesunden Start ins neue Jahr

Ab Montag, den 10.01.2022 sind Büro- und Hofteam mit frischer Tatkraft zurück aus dem Weihnachtsurlaub.


Weihnachtsmänner mit Chefin und Burgerjungs für 
alle am 22.12.2021 bei uns auf dem Hof - und danach: Weihnachtsferien!


Wir bedanken uns für ein gutes Baumschuljahr und Ihr Vertrauen in unsere Leistungen und werden uns auch im neuen Jahr anstrengen, die gute Schule für Ihre Pflanzen zu sein. 






Veröffentlicht in Baumschule am 27.12.2021 17:31 Uhr.

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Inh.: Bettina Stoldt, Dipl.-Ing. agr. (FH)

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