Flechten an Gehölzen: Ein Mangel?

Vor allem an der Wetterseite von Gehölzen treten fleckenartige Beläge auf. Handelt es sich um Flechten, dann besteht kein Grund zur Panik.

 

 Flechten an Hochstamm im Freilandquarrier

 


Was sind Flechten überhaupt?

 

Flechten zählen zur Gruppe der Epiphyten – das sind Lebewesen, die als Aufsitzer auf Untergründen (Substraten) wachsen, ohne diese Wirte für Wasser- oder Nährstoffversorgung ‚anzuzapfen‘.

 

Flechten sind also keine Parasiten und was das ‚Substrat‘ angeht, sind sie auch nicht sehr wählerisch. Damit lässt sich auch erklären, warum Flechten auf künstlichen wie natürlichen Oberflächen zu finden sind und mitnichten nur an Pflanzen. Auch an Steinen, Fels- oder Betonflächen,  auf metallischen oder lackierten Oberflächen und in der Baumschule beispielsweise auch auf der Kunststoffoberfläche des Bändchengewebes unserer Containerstellflächen wachsen Flechten. 


Unterschiedliche Flechtenarten siedeln dabei auf unterschiedlichen ‚Substraten‘ – die Zahl der hierzulande anzutreffenden Flechtenarten wird auf etwa 1700 geschätzt.




Flechten siedeln mitnichten nur auf Gehölzen: 

Auch auf lackierten Oberflächen (Bild oben), 

auf Stein und sogar auf dem Bändchengewebe 

unserer Containerstellflächen (Bild unten rechts) 

finden sich Flechten als klassische Pioniere

 



Wohngemeinschaften aus Pilz und Alge

 

Flechten bezeichnen eine Lebensgemeinschaft zwischen einem (oder auch mehreren) Pilzen sowie Grünalgen oder Cyanobakterien. Gemeinsam bilden sie die Wuchsform ‚Flechte‘. Flechten werden botanisch dem Reich der Pilze zugeordnet.

 

Der Pilz bilden in dieser Gemeinschaft mittels der Pilzfäden den eigentlichen Vegetationskörper und sorgt für die Verankerung.


Die Alge bzw. das Cyanobakterium übernimmt mit ihrer Fähigkeit zur Photosynthese die Energiezufuhr. Vorteil für den Pilz (der sog. Mykobiont), der in der WG damit quasi die Hosen an hat: 


Die Algen (der sog. Photobiont) versorgen den Pilz mit zuckerhaltigen Verbindungen als Nährstoffe, der Pilz wiederum verlängert durch seine Pilzfäden den Prozess der Austrocknung des Mykobionten und schützt diesen vor schädlicher UV-Strahlung.

 

Da Flechten für eine aktive Wasseraufnahme Wurzeln fehlen, können sie auch nicht - im Unterschied zum Parasiten - ihre Wirtspflanze anzapfen. Die Regulierung des Wasserhaushaltes erfolgt vielmehr durch schwammartiges Aufsaugen von Niederschlägen, Tau oder Wasserdampf bei hoher Luftfeuchtigkeit. In Trockenphasen fallen Flechten trocken in eine photosynthetisch inaktive Ruhestarre. Ihren (sehr geringen) Nährstoffbedarf decken Flechten aus der Luft bzw. über im Niederschlagswasser gelöste Stoffe.

 

Angesichts dieses Lebenswandels ist es wenig verwunderlich, dass die meisten Flechten sehr langsam wachsen. Flechten können nur auf Standorten siedeln, auf denen sie nicht von Pflanzen überwachsen werden (denn dann könnten sie aufgrund des Lichtmangels keine Photosynthese betreiben) und wo Moose nicht konkurrenzstärker sind – wie es beispielsweise häufig auf feuchten Standorten der Fall ist.

 

Flechten sind also prädestiniert für die Besiedelung exponierter, ja sogar extremer Standorte. Auf Fels sind sie Pioniere, die zur Bodenbildung beitragen.

 


Unsere Gehölze: Extremstandorte für Flechten?

 

Uns interessieren die Flechten, die sich Baumrinde als ‚Substrat‘ aussuchen. Auch auf diesen lebenden pflanzlichen Unterlagen verhalten sich Flechten nicht als Parasit – weder Wasser noch Nährstoffe werden dem Phloem der Gehölze entnommen. 


Das Gehölz wird lediglich als Haftunterlage genutzt. Flechten finden sich häufig auf älteren Bäumen. Doch nicht nur an Baumarten mit gefurchter oder rissiger Borke zeigen sich Flechten. Auch glatte Stammoberflächen bieten noch ausreichend Haftmöglichkeiten. Da Gehölze ihre Rinde im Inneren des Stammes bilden (die Borke entsteht aus Kork und bereits abgestorbenen Teilen des Bastes), wird die Rindenbildung nicht durch Flechtenbesatz beeinflusst. 




Flechtenbesatz an Quercus robur im Landschaftsschutzgebiet Fischbeker Heide: 

Zeiger guter Luftqualität



Gegen die Entfernung von Flechten spricht somit außer den rein optischen Gründen, dass sie nicht schädigend für Gehölze sind und zahlreiche Flechten laut Roter Liste gar als gefährdet eingestuft werden.


Im Merkblatt ‚Flechten an Obstgehölzen‘ (Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt) wird erläutert, dass allenfalls ein flächiger Überzug die Atmung des Gehölzes beeinträchtigen könne, da Gehölze nicht nur über die Blätter, sondern mittels der Spaltöffnungen von Lentizellen oder Korkwarzen auch über die Zweige atmen würden. Flechtenbesatz am Fruchtholz, den Knospen oder bis an die Triebspitzen könne den Fruchtansatz mindern.

 

Einen umfangreicher Flechtenüberzug bei Obstgehölzen beurteilt die LLG Sachsen-Anhalt insofern kritisch, als der Bewuchs zur Überwinterung tierischer Schädlinge dienen könnte und die unter den Flechten schlechter abtrocknende Rinde Schadpilzen gute Bedingungen bieten könne.

 

Die Ansiedelung von Flechten und die unerlässliche Versorgung mit Feuchtigkeit wird von einem Mikroklima höherer Luftfeuchte begünstigt. Geringe Pflanzabstände, dichtes Kronengeäst, windgeschützte und/ oder luftfeuchte Lagen können das Auftreten von Flechten begünstigen. 


Geschlossene Baumschulquartiere bieten Flechten insofern relativ gute Bedingungen, wobei die Stämme junger Bäume allenfalls arttypisch gefurcht und ansonsten eher glatt sind. Bei uns finden sich bei Hochstämmen in den Freilandquartieren nur vereinzelter Flechtenbesatz und dort vor allem bei längeren Standzeiten (größeren Qualitäten).


Als Zeigerpflanzen geringer Luftverunreinigungen kann das Auftreten von Flechten durchaus auch sehr positiv beurteilt werden. Flechten lassen sich sogar als Bioindikatoren für Schadstoffbelastungen der Luft einsetzen.

 



Flechte = saubere Luft? 

Keine Regel ohne Ausnahme

 


Doch keine Regel ohne Ausnahme: Die blattförmige Gewöhnliche Gelbflechte Xanthoria parietina (Bild) mag als sog. ‚Stadtflechte‘ die mit düngenden Stickstoffverbindungen angereicherte (eutrophierte) belastete Luft von Innenstädten und Gewerbegebieten bzw. verhält sich tolerant gegenüber Luftverschmutzung – sogar gegenüber Schwermetallbelastung.  

 



Optischer Mangel




Flechtenbesatz an frisch gelieferten Solitärs von 

Betula utilis 'Doorenbos': Optischer Mangel 

(Foto: BHF Landschaftsarchitekten, Kiel)



Ein Flechtenüberzug beispielsweise an einem ausgesprochenen Rindenschmuckgehölz wie der Weißrindigen Himalaya-Birke (Betula utilis ‘Dorenbos‘) deutet zwar nicht auf Vitalitätsmängel hin. 


Aus Kundensicht muss ein solcher Flechtenüberzug jedoch als optischer Mangel bewertet werden. Hervorragendes Verwendungsmerkmal dieses Gehölzes ist eine schließlich die weiße Rinde. 

 

Abhilfe verspricht eine sorgsame Stamm- bzw. Triebpflege. Zahlreiche Flechtenarten haften recht locker an der Borke und lassen sich meist leicht entfernen. 





Entfernung von Flechten von Trieben eines alten Exemplars von Magnolia liliiflora 'Nigra': 

Eine herkömmliche (am besten nicht zu harte) Wurzelbürste ist das geeignete Werkzeug für 

die Stammpflege



Stammpflege älterer Gehölze lässt sich am besten im Winter durchgeführt wird: Mittels einer geeigneten Bürste lässt sich der Flechtenbelag meist problemlos entfernen. Die Bearbeitung mit der Baumbürste sollte nur mit wenig Druck erfolgen, um Verletzungen der Baumrinde zu vermeiden: Drahtbürsten sind ungeeignet!


Suchen Sie jetzt bloß nicht nach 'Baumbürste' - eine herkömmliche, nicht zu harte Wurzelbürste ist vollkommen ausreichend.

 

Allerdings steigt nach Entfernung alter, flächiger Flechtenüberzüge, die quasi eine zusätzliche Schutzschicht auf der Borke gebildet haben, womöglich das Risiko von Sonnenbrand und Spannungsrissen. Ein Kalkanstrich bis in die Krone nach Entfernung des Flechtenüberzuges kann durch Reflektion davor schützen.

 

Ein fachgerechter Schnitt bei Obstgehölzen (regelmäßiges Auslichten der Baumkrone) hält die Krone offen und gut durchlüftet. 

 

 

Quellen:

 

Bryologisch-Lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa e.V. (BLAM): Allgemeines zur Flechtenkunde; abgerufen unter https://blam-bl.de/lichenologie.html (Januar 2021)

 

Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt, Bernburg (Saale): Merkblatt Flechten an Obstgehölzen, August 2018

 

Margraf, Dr. Klaus: Keine Panik bei Flechten und Algen an Gehölzen, in: Gartenpraxis 12/2018, Ulmer-Verlag

 

NABU: Die Gelbflechte: Mehr Aufmerksamkeit für die Doppelwesen aus Pilz und Alge; abgerufen unter https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/sonstige-arten/pilze-flechten-moose/artenportraets/01837.html (Januar 2021)

 

Wikipedia.de: Flechte; abgerufen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Flechte (Januar 2021)

 



Veröffentlicht in Botanik am 12.01.2022 8:12 Uhr.

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Inh.: Bettina Stoldt, Dipl.-Ing. agr. (FH)

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